Heinrich-Böll-Stiftung

Mohamed HamzéName: Mohamed Hamzé
Alter: 27 Jahre
Studiengang: Rechtswissenschaft
Semester: 8. Fachsemester
Auslandssemester: Zwei Semester am CTLS in London, UK
Hochschule: Freie Universität Berlin
Stiftung: Heinrich-Böll-Stiftung
(Die Stiftung steht dem Bündnis 90/Die Grünen nah.)

Logo der Heinrich-Böll-Stiftung

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich bei der Heinrich-Böll-Stiftung zu bewerben?

Obwohl ich schon zu Beginn meines Studiums von Stipendien wusste, habe ich nie den Mut aufgebracht, einfach eine Bewerbung loszuschicken. Niemand in meinem Umfeld konnte mir die Fragen beantworten, welche Erwartungen die Heinrich-Böll-Stiftung an mich, meine Studienleistungen und die Gutachten hat, die ich einreichen sollte.

Erst als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl lernte ich meine Kollegin Sophie Engelhardt, ebenfalls Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung, kennen, die mich dazu ermunterte eine Bewerbung zu verfassen. Hierbei unterstützte sie mich in den unterschiedlichen Phasen des Prozesses tatkräftig. Vielen Dank an sie und Matti Hauer an dieser Stelle!

Was bedeutet es für Dich, Stipendiat zu sein?

Das Stipendium ermöglicht es mir, keine zeitlichen und inhaltlichen Kompromisse in Bezug auf mein Studium in Kauf nehmen zu müssen. Es bedeutet demnach Unabhängigkeit. Viel wichtiger aber als das ist, dass ich die Veranstaltungen mit den anderen Stipendiat_innen als Freiräume erlebe, die mir erlauben kreativ, gestalterisch und gleichzeitig kritisch zu sein. Sie bieten die Möglichkeit, gemeinsame Visionen von einer lebenswerten und nachhaltigen Zukunft zu zeichnen. Bislang hatte ich nach jeder Veranstaltung viele neue Ideen und noch mehr neue Bekannte und Freunde.

Auf welche Weise wirst Du von der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert?

Ich erhalte ein Vollstipendium von der Heinrich-Böll-Stiftung, das heißt neben dem Büchergeld i. H. v. 150 Euro (300 Euro ab Wintersemester 2013/2014), das allen Stipendiat_innen zusteht, bekomme ich den Satz, der mir ansonsten durch das BAföG zusteht. Im Gegensatz zum BAföG muss ich das Stipendium aber nicht nach dem Studium zurückzahlen.

Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zu viel“ verdienen?

Das oben erwähnte Büchergeld steht, unabhängig vom Einkommen der Eltern, jeder Stipendiatin und jedem Stipendiaten zu. Das Stipendium selbst wird nach den Grundsätzen ermittelt, die auch der BAföG-Berechnung zu Grunde liegen, d.h. nur diejenigen erhalten eine zusätzliche finanzielle Förderung, denen auch BAföG zusteht. Ein zu hohes Einkommen der Eltern wirkt sich derart aus, als das Abzüge vom Stipendium gemacht werden, wobei die Höhe der Abzüge sich aus einer Einzelfallberechnung ergeben.

Stellt die Heinrich-Böll-Stiftung auch Erwartungen an Dich als Stipendiat?

Ja, wir müssen an Veranstaltungen des Studienwerks der Heinrich-Böll-Stiftung teilnehmen und den Jahresbericht verfassen. Dieser dokumentiert die Entwicklung der letzten zwölf Monate in den Kategorien des Studienverlaufs, des gesellschaftlichen Engagements und des Engagements in der Stiftung. Daneben sollen die eigenen Pläne und Ziele für das darauffolgende Jahr erläutert werden.

Welche Ziele verfolgt die Heinrich-Böll-Stiftung?

Ich halte mich da frecherweise eng an die Formulierungen des Leitbilds der Heinrich-Böll-Stiftung: Das grüne Projekt und die Vermittlung der Grundwerte Demokratie, Ökologie, Solidarität und Gewaltfreiheit.

Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich bewerben?

Bei der Heinrich-Böll-Stiftung kann man sich schon direkt nach dem Abitur bewerben, selbst wenn man noch keine Hochschulzulassung hat. Dabei kommt es dann im Motivationsschreiben darauf an, die Studienfachwahl schlüssig zu begründen.

Will man sich während des Studiums bei der Heinrich-Böll-Stiftung bewerben, sollte man darauf achten, dass man das schon relativ früh tut. So beispielsweise im Bachelor spätestens im 3. Semester. Die Heinrich-Böll-Stiftung fördert dann aber auch im Master-Studium weiter und wünscht sich eine langfristige Zusammenarbeit mit ihren Stipendiatinnen und Stipendiaten.

Wie verlief Dein Auswahlverfahren für das Stipendium?
(Dauer/Ablauf/Auswahlgespräche/Probleme)

Für die Bewerbung bei der Heinrich-Böll-Stiftung sind zwei Termine wichtig: jeweils der 1. März und 1. September eines Jahres. Hierbei gilt die Ausschlussfrist, d.h. alle notwendigen Unterlagen müssen der Stiftung zu diesem Zeitpunkt vorliegen. Der Bewerbungsprozess an sich dauert circa vier Monate und teilt sich in drei Teile.

In der ersten Runde reicht man die Unterlagen ein, die auf der Seite des Studienwerks der Heinrich-Böll-Stiftung verlangt werden (via Online-Bewerbung). Nach etwa vier Wochen erhält man entweder eine Absage oder die Nachricht, dass man in die zweite Runde kommt. In diesem Teil trifft sich die/der Bewerber_in mit einem Vertrauensdozenten für etwa eine Stunde und führt ein Gespräch über Studienwahl und -fach, die Motivation für das gesellschaftspolitische Engagement und andere Aspekte der Bewerbung. Auf welchem Aspekt der Bewerbung der Fokus des Gespräches liegt, ist von der/dem Vertrauensdozent_in abhängig und kann im voraus leider nicht pauschal beantwortet werden. Hier kommt es auch auf die Bewerbung an sich an.

Erreicht man die dritte Runde, wird man zu einem Auswahl-Workshop an einem Wochenende eingeladen, der selbst wiederum in zwei Teile untergliedert ist. Vormittags geht es mit einer Gruppendiskussion zu einem gesellschaftspolitisch relevanten Thema los (60 Minuten, circa 6-8 Personen in einer Gruppe). Die Auswahlkommission besteht aus einer/einem Mitarbeiter_in des Studienwerks, zwei externen Gutachter_innen und einer/einem Stipendiat_in. Nach einer Pause folgt ein Einzelgespräch mit der Auswahlkommission. Zwischendurch gibt es leckeres vegetarisches Essen und die Möglichkeit, die „stipendiatischen Litfaßsäulen“ mit Fragen zu löchern. Die Entscheidung darüber, ob man aufgenommen wurde oder nicht, erhält man dann innerhalb von einer Woche per Post.

Die Zwangspausen zwischen den einzelnen Runden waren anstrengend, weil die Gänge zum Briefkasten mit jedem neuen Tag häufiger wurden. Ansonsten kann ich nur sagen, dass der persönliche Kontakt mit meiner Vertrauensdozentin und der Auswahlkommission sehr angenehm war. Während des Auswahl-Workshops war ich total aufgeregt, das legte sich jedoch und im Laufe der Zeit hat es sogar richtig Spaß gemacht, mit meiner Gruppe zu diskutieren und der Auswahlkommission meine Motivation für dies und jenes in meinem Leben zu erläutern.

Wie sieht Deiner Meinung nach eine erfolgreiche Bewerbung aus?

So banal wie das nun klingen mag, aber zu einer erfolgreichen Bewerbung gehört, dass man besonders gute Schul- bzw. Studienleistungen mitbringt, sich mit den Zielen und Werten der jeweiligen Stiftung auseinandersetzt und sich nur dort bewirbt, wo man sich auch wohlfühlt und „hinpasst“. Aus dem Motivationsschreiben muss hervorgehen, warum es beispielsweise nur die Heinrich-Böll-Stiftung sein kann und keine andere Stiftung. Wenn die Bewerbung zu allgemein und unspezifisch ist, zeigt es auf, dass man sich nicht wirklich mit den Zielen und den Werten der Stiftung beschäftigt hat.

Was bedeutet es, wenn „gesellschaftliches und politisches Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst Du Dich?

Als Engagement sind Aktivitäten in Vereinen, Schülervertretungen, Nachhilfegruppen und ähnliches gemeint, d.h. meist ehrenamtliche Tätigkeiten mit dem Ziel, sich für die Ideale, Ziele und Werte der Stiftung einzusetzen. Das bedeutet auch, dass darunter parteipolitisches Engagement fallen kann.

Ich persönlich war im Vorstand meiner Schülervertretung und hab an einer Kita ehrenamtlich ausgeholfen. Momentan engagiere ich mich im Bereich Open Government und leider zu selten bei ArbeiterKind.

Musst Du Mitglied in der Partei Bündnis 90/Die Grünen oder deren Jugendverband sein? Musst Du überzeugter Grüner sein?

Für eine erfolgreiche Bewerbung muss man weder Mitglied der Partei oder des Jugendverbandes sein. Man muss kein – im parteipolitischen Sinn in jedem Politikbereich – überzeugter Grüner sein, aber es kommt auf die Werte an, die man vertritt. Kompromisslos wirtschaftsliberale oder konservative Ansätze stehen eigentlich in offensichtlicher Diskrepanz zu denen, die die Heinrich-Böll-Stiftung vertritt.

Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber viel zu selten getan: Scheut Euch nicht, Euch bei der Bewerbung helfen zu lassen! Schreibt den Mentor_innen bei ArbeiterKind oder dem Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung, wenn Ihr konkrete Fragen habt. Solltet Ihr Euch fragen, was ein Motivationsschreiben enthalten soll oder wie man ein Gutachten bekommt, dann fragt uns Mentoren. Zu Euren Chancen: Alle Stiftungen wollen mehr Bewerber_innen aus nicht-akademischen Haushalten. Nutzt das!

(Interview: Juni 2012)