Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

Shay Bar OrName: Shay Bar Or
Alter: 26 Jahre
Studiengang: Psychologie
Semester: 4. Semester
Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin
Auslandssemester: keine
Stiftung: Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk
(Das Studienwerk fördert besonders begabte jüdische Studierende und Promovierende.)

Logo des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich beim Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) zu bewerben?

Bereits im ersten Semester habe ich mich nach möglichen Stipendien erkundigt. Es ist ja ein langer Prozess, weil man im Laufe der Recherchen mit großen Mengen an Informationen konfrontiert wird - und das kann zum Teil verwirrend sein. Ich habe zahlreiche Internetseiten angeklickt und ganz viel über verschiedene Stiftungen gelesen; irgendwann bin ich auf die Seite des ELES angestoßen. Kurz danach war mir klar, dass ich mich als Israeli und Jude in Deutschland mit den durch ELES vertretenen Zielen sehr gut identifizieren kann und dass ich dabei sein möchte.

Was bedeutet es für Dich, ein Stipendiat zu sein?

Ein Stipendiat zu sein ist eine einmalige Chance im Leben. Es gibt so viele Menschen, deren Begabungen aufgrund finanzieller Schwierigkeiten unrealisiert bleiben müssen. Die Stiftung ermöglicht mir mein Studium in Deutschland. Dafür bin ich sehr dankbar und fühle mich manchmal so, als ob ich eine „ungeschriebene Verpflichtung“ tragen würde, das Beste daraus zu machen.

Darüber hinaus halte ich es für wichtig, mich für die Ziele meiner Stiftung einzusetzen und zu engagieren. Die Stiftung besteht aus Menschen, die gemeinsame Ziele verfolgen und jede Hilfe, jeder Beitrag macht einen bedeutsamen Teil aus in diesem gemeinsamen „Haus“.

Auf welche Weise wirst Du von ELES gefördert?

Die Förderung bei ELES erfolgt sowohl finanziell, als auch ideell – was mindestens genau so wichtig ist. Finanziell erhalte ich den Höchstbetrag entsprechend des BAföGs sowie ein Büchergeld in Höhe von 150 Euro (300 Euro ab Wintersemester 2013/2014) im Monat.

Ebenso wichtig ist mir die ideelle Förderung durch das ELES: die Möglichkeiten, den Horizont zu erweitern, sich auszutauschen, sich weiter zu bilden und zu entwickeln durch Workshops, Seminare und spannende Kooperationen mit anderen Institutionen in Deutschland sowie im Ausland. Einmal im Jahr findet eine große Sommerakademie statt, wo sich alle Stipendiaten treffen und sich mit einem bestimmten Themenkomplex auseinandersetzen – dabei sind Vorträge renommierter Wissenschaftler, Exkursionen und sogar ein Kunstprogramm Teil der Veranstaltung.

Darüber hinaus gibt es eine weitere Form von Förderung, die ich als „emotionale Förderung“ bezeichnen würde: jeder Stipendiat hat einen Vertrauensdozenten, mit dem er über alle Dinge sprechen kann, die ihm am Herzen liegen.

Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zu viel“ verdienen?

Die Höhe des Stipendiums richtet sich nach BAföG-Richtlinien, also wenn die Eltern „zu viel“ verdienen wird das Stipendium entsprechend gekürzt. Davon unberührt sind das Büchergeld, Teilfinanzierungen von Auslandsaufenthalten sowie die ideelle Förderung.

Stellt das ELES auch Erwartungen an Dich als Stipendiat?

ELES erwartet neben überdurchschnittlichen Leistungen eine aktive Teilnahme (im Rahmen der individuellen Möglichkeiten) an der ideellen Förderung sowie einen regelmäßigen Austausch mit einem Vertrauensdozenten. Am Ende jedes Semesters soll der Stipendiat einen Bericht über seine Erfahrungen, Leistungen, besuchte Kurse und Seminare verfassen.

Welche Ziele verfolgt das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk?

Ernst Ludwig Ehrlich hat sich als Historiker und Religionswissenschaftler jahrzehntelang für den christlich-jüdischen Dialog eingesetzt. Als überzeugter Europäer kämpfte er gegen jede Form von Intoleranz, Antisemitismus, Rassismus und Fremdenhass. Aus meiner Sicht und mit meinem eigenen ausländischen Hintergrund in Deutschland erkenne ich das Hauptziel des ELES in erster Linie darin, Toleranz, Verständigung und Mitmenschlichkeit zwischen den unterschiedlichen Religionen, ethnischen Gruppen und Teilen unserer Gesellschaft zu stiften.

Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich bewerben?

Man kann sich bereits als Abiturient bewerben.

Wie verlief Dein Auswahlverfahren beim Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk? (Dauer/Ablauf/Auswahlgespräche/Probleme)

Das ging eigentlich sehr schnell. Ich habe die notwendigen Unterlagen sowie zwei Empfehlungsschreiben per Post eingereicht. Bereits nach etwa zwei Monaten habe ich eine Zusage erhalten. Das erste Jahr gilt allerdings als Probejahr in dessen Verlauf der Stipendiat die Gelegenheit bekommt, seine Begabungen und Ziele mit Hilfe der Förderung durchzusetzen. Am Ende dieses Jahres wird entschieden, ob man endgültig aufgenommen werden kann, wobei am Ende jedes Förderungsjahres man einen Antrag auf Verlängerung des Stipendiums stellen soll.

Für die aktuellsten Informationen empfehle ich herzlich, die Webseite zu besichtigen.

Wie sieht Deiner Meinung nach eine erfolgreiche Bewerbung aus?

Fälschlicherweise sind viele der Meinung, dass nur Bewerber mit absoluten Glanzleistungen ein Stipendium erhalten können. Gute Noten zählen natürlich auch, doch das ist nicht das Wesentliche in diesem Prozess. Eine erfolgreiche Bewerbung besticht auch durch die Persönlichkeit des Bewerbers.

Was bedeutet es, wenn „gesellschaftliches und politisches Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst Du Dich?

Engagement bedeutet vor allem, dass man über sich selbst hinaus tätig wird und etwas für seine Mitmenschen macht. Man kann sich in vielfältiger Weise für die Gesellschaft einsetzen. In meiner Freizeit engagiere ich mich für den deutsch-jüdischen Dialog. Ich habe beispielsweise ein paar Jahre im Jüdischen Museum Berlin gearbeitet, das zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte ausstellt. Dort war ich ein so genannter Host. Ich stand den Gästen bei allen Fragen zur Verfügung, erklärte jüdische Geschichte, Kultur und Bräuche und erläuterte die hebräische Sprache. Als ein in Deutschland lebender Israeli war es mir besonders wichtig, bei deutschen wie bei israelischen Besuchern des Hauses für gegenseitiges Verständnis zu werben. Die mit der Doppelrolle verbundene Verantwortung ist mir sehr bewusst.

Können sich auch nicht-jüdische Studierende bewerben?

Es sind alle Studenten und Abiturienten herzlich willkommen!

Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?

Ja, unbedingt. Es gibt so viele Chancen - und diese befinden sich häufig direkt vor unseren Augen. Oft nutzen wir diese Möglichkeiten aus Skepsis oder Angst vor einer möglichen Absage nicht. Ich möchte den zukünftigen Bewerbern Mut machen, die tollen Chancen, die ein Stipendium bietet, zu ergreifen.

(Interview: Oktober 2011)