Evangelisches Studienwerk Villigst

Name: Yasmin HolzeStipendiatin Yasmin im Portrait
Alter: 23 Jahre
Studiengang: M.A. Klinische Heilpädagogik (davor B.A. Heilpädagogik/Inklusive Pädagogik)
Semester: 2. Semester
Hochschule: KH Freiburg
Stiftung: www.evstudienwerk.de (Stiftung der Evangelischen Kirche)

Logo des Evangelischen Studienwerks

 


Wie bist du auf die Idee gekommen, dich beim Evangelischen Studienwerk Villigst zu bewerben?
Eigentlich mehr oder weniger zufällig. Ich war damals im Bachelorstudium zur Heilpädagogik und Inklusiven Pädagogik und gerade nach einer Vorlesung auf dem Weg in die Mensa, als ich auf den Informationsstand von Villigst aufmerksam geworden bin. Man muss dazu sagen, dass ich mich bis dahin nie als eine potenzielle Stipendiatin gesehen habe. Was mich auf Villigst aufmerksam gemacht hat ist, dass nicht nur politisches Engagement gefragt ist, sondern auch gesellschaftliches oder kirchliches Engagement. Da ich mich neben dem Studium ehrenamtlich bei der Diakonie engagierte, bekam ich ganz plötzlich einen völlig neuen Blick auf das Thema Stipendium. Neben guten Noten geht es eben auch darum, Dinge einmal aus einer anderen Sicht zu betrachten. Das hat mich sehr angesprochen.
Im Zuge dessen habe ich mich kurz darauf beim Evangelischen Studienwerk Villigst beworben. Auslöser dafür war, dass das Studienwerk meine Ansicht teilte, dass sich christlicher Glauben nicht (nur) durch innere Frömmigkeit, sondern gerade durch gesellschaftliche Verantwortung vollzieht.
Wie wirst du durch dein Stipendium gefördert?
Ich werde vom Evangelischen Studienwerk bereits seit meinem Bachelorstudium gefördert. Dies beinhaltet die finanzielle Förderung, die nach den BAföG-Kriterien berechnet wird. Im Gegensatz zum BAföG muss das Geld allerdings nicht nach Ende des Studiums zurückgezahlt werden.
Zusätzlich gibt es eine monatliche Studienkostenpauschale. Jeder Stipendiat und jede Stipendiatin hat einen bestimmten Sachkostenetat, aus dem man eine (Teil-)Finanzierung beispielsweise eines Semesters, Praktikums oder Sprachkurses im Ausland beantragen kann. Aufgrund dessen war es mir möglich, ein Pflichtpraktikum in Neuseeland zu absolvieren, von dem ich nur Positives berichten kann und das mich in der Verfolgung meiner beruflichen und privaten Ziele ungemein bestärkt hat.
Abgesehen von der finanziellen Unterstützung gibt es noch die ideelle Unterstützung. Neben Beratungen oder auch fachfremden Weiterbildungen steht mir ebenfalls ein großes Angebot an interdisziplinären Austauschmöglichkeiten zur Verfügung. Das Evangelische Studienwerk legt zudem großen Wert auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und Unterstützung bzw. Begleitung des Einzelnen.
Villigst ist für mich ein Netzwerk an Individuen, die sich gegenseitig unterstützen, austauschen und anerkennen.
Ist die Höhe deines Stipendiums abhängig vom Einkommen deiner Eltern?
Die Höhe der monatlichen finanziellen Förderung ist – ebenso wie beim BAföG – vom Einkommen der Eltern abhängig. Falls die Eltern „zu viel“ verdienen sollten, bekommt man die Studienkostenpauschale ausgezahlt. Seit dem Wintersemester 2013/2014 beträgt diese 300 Euro.
Eine Bewerbung lohnt sich demnach auf jeden Fall. Nicht zu vergessen: Der Sachkostenetat und die ideelle Förderung, die Teilnahme an vielfältigen Veranstaltungen und das Beratungsangebot stehen allen Stipendiatinnen und Stipendiaten zu, unabhängig von den Einkommensverhältnissen der Eltern.
Welche Erwartungen stellt das Evangelische Studienwerk an dich als Stipendiatin?
Nach Aufnahme in die Förderung habe ich an einer viertägigen Einführungsfreizeit in Villigst teilgenommen. Diese findet meistens vor dem Beginn des ersten Fördersemesters statt. Im weiteren Verlauf reiche ich regelmäßig einen Jahresbericht ein.
Mit dem Förderungsvertrag gehe ich die Verpflichtung ein, im Verlauf der ersten vier Fördersemester einzelne Aufgaben zu übernehmen, die ich mir selbst aussuchen kann. Dabei geht es darum, das Studienwerk bei Informationsveranstaltungen an Hochschulen o. ä. vorzustellen oder bei der Veranstaltungsorganisation zu unterstützen.
Was bedeutet es für dich, eine Stipendiatin zu sein?
Darüber muss ich erst einmal einen kurzen Augenblick nachdenken. Für mich bedeutet es tatsächlich sehr viel, eine Stipendiatin zu sein. Ich fühle mich dabei als Teil eines Netzwerks und einer Gemeinschaft, die einander hilft und unterstützt aber auch begeistert und überzeugen kann, Neues zu wagen. Ganz besonders wichtig ist es für mich, mal aus meiner Komfortzone zu kommen und über den Tellerrand zu schauen, meinen Horizont zu erweitern. Es beinhaltet auch, andere zu ermutigen denselben Schritt zu wagen und sich neue Handlungsalternativen nicht entgehen zu lassen.
Welche Ziele verfolgt das Evangelische Studienwerk?

Das Evangelische Studienwerk fühlt sich nach wie vor seinen Anfängen verpflichtet, soziale Verantwortung füreinander zu übernehmen, Demokratie und die Würde des Menschen zu wahren, sowie Widerspruchstoleranz zu fördern und diejenigen zu stärken, die sich dafür einsetzen.

Das Ziel ist, junge Menschen zu fördern, die sich der Herausforderung stellen, gesellschaftliche Fragestellungen und Wissensentwicklungen ethisch zu reflektieren und sich damit auseinanderzusetzen. Diese Maßstäbe werden auch in der Zukunft mit ihren Herausforderungen von größter Bedeutung sein. Daran mitzuwirken, ist ein bleibendes Anliegen bei der Begleitung junger Menschen auf ihrem Weg, die Welt von morgen verantwortlich mitzugestalten.
Wie verlief dein Auswahlverfahren beim Evangelischen Studienwerk?
Ich habe alle notwendigen Unterlagen fristgerecht zum 1. September nach Villigst geschickt und habe einige Wochen danach die Einladung zum Vorauswahlgespräch in Bochum erhalten. Zuvor habe ich mich mit tagesaktuellen Themen aus den Medien beschäftigt, die tatsächlich in Form von politischen, historischen und anderen interdisziplinären Fragen in dem Gespräch aufgegriffen wurden. In meinem Vorauswahlgespräch wurde aber auch sehr auf meine Persönlichkeit eingegangen, meine eigene Meinung zu verschiedenen Themen erfragt, und ich sollte ausführlich meine Studienmotivation erläutern. Das Gespräch habe ich damals als äußerst positiv und anregend empfunden.
Kurz darauf bekam ich die Einladung zum zweitägigen Hauptauswahlverfahren worüber ich mich sehr gefreut habe.
Diese zwei Tage in Schwerte, wo Villigst seinen Sitz hat, waren natürlich sehr aufregend. Am ersten Tag sollte man gemeinsam mit anderen Bewerberinnen und Bewerbern zwei Gruppenaufgaben lösen, während ein dreiköpfiges Auswahlteam den Prozess beobachtete. Am Folgetag stand dann noch ein halbstündiges persönliches Auswahlgespräch an, das dem Gespräch in der Vorauswahl ähnelt. In dem Gespräch war ich sehr nervös, fühlte mich aber zu keinem Zeitpunkt unwohl und ging letztendlich mit gemischten Gefühlen nach Hause.
Nach einer Wartezeit von etwa drei Wochen erhielt ich dann die lang ersehnte Zusage und die Einladung für die viertägige Einführungsfreizeit in Villigst.
Ab welchem Schuljahr/ Semester ist eine Bewerbung möglich?
Zwei Mal jährlich werden neue Stipendiatinnen und Stipendiaten in die Förderung beim Evangelischen Studienwerk aufgenommen. Jeder und jede, der oder die im Begriff ist, ein Studium aufzunehmen – egal, ob nach dem Abitur, einem FSJ, FÖJ oder BFD, nach einer Ausbildung oder am Studienanfang, hat die Möglichkeit, sich sowohl zum 1. März und 1. September eines Jahres zu bewerben. Wichtig ist, dass man zum Zeitpunkt der Auswahl das 4. Hochschulsemester nicht überschritten hat (im Doppelstudium zählt das zuerst begonnene Studium).
Es ist nicht möglich, sich nur für die Förderung eines Masters zu bewerben.
Ausnahme: Geflüchtete, die ein Studium in Deutschland beginnen oder fortsetzen wollen, können sich auch in höheren Semestern – bis zum 1. Mastersemester – bewerben. Man kann sich demnach auch schon im 0. Semester bewerben. Damit ist auch die Zeit zwischen Abitur und Studium gemeint.
Was bedeutet es, wenn gesellschaftliches und politisches Engagement verlangt wird?
Engagement kann sehr vielfältig und in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen geschehen. Für das Evangelische Studienwerk ist ein wichtiges Kriterium, dass das Engagement nachweisbar ist und in den Bereichen Politik, Umwelt, Kirche oder Soziales stattgefunden hat.
Wie engagierst du dich?
Ich habe mich sowohl im gesellschaftlichen als auch im kirchlichen Rahmen (Kinder- und Jugendarbeit) engagiert. In der Diakonie engagiere ich mich seit Beginn meines Studiums und unterstütze hilfesuchende Familien in der Betreuung von ihren behinderten Kindern.
Muss man als Bewerberin eigentlich auch in der Kirchgemeinde aktiv sein?
Kirchliches Engagement ist kein Muss für die Bewerbung bei Villigst. Ebenso ist eine andere Religionszugehörigkeit als die evangelische kein Ausschlusskriterium für eine Bewerbung. Das Evangelische Studienwerk stellt für diese Fälle einen Sonderantrag zur Verfügung. Wichtig ist jedoch, dass man eine Meinung und Einstellung zu Religion hat und diese auch erläutern kann.
Wie sieht deiner Meinung nach eine erfolgreiche Bewerbung aus?
Eine erfolgreiche Bewerbung beginnt damit, sich aus eigener Initiative zu bewerben und sich seine Stärken bewusst zu machen. Manche dachten – mich eingeschlossen – dass sie überhaupt keine Chance auf ein Stipendium hätten, da ihr Notenschnitt nicht den Anforderungen entspräche. Wie man aber sieht, kann es bei einem Stipendium um viel mehr als nur einen guten Durchschnitt gehen. Wenn man sich für etwas engagiert und Sachen hinterfragt, sollte man einfach über seinen Schatten springen und die Chancen nutzen, die sich bieten.
Wichtig scheint für mich dabei noch zu sein, dass man sich während des ganzen Auswahlverfahrens authentisch gibt. Es geht nicht darum, vermeintliche Erwartungen zu erfüllen und eine Rolle zu spielen, von der man glaubt, dass sie bei den Auswählenden gut ankommen würde. Vermittle einen ehrlichen Eindruck von dir, sei dir bewusst, welche Werte und Ansichten du vertrittst und versuche gut zu argumentieren.
Möchtest du Schülerinnen, Schülern und Studierenden – die als Erste in ihrer Familie studieren (wollen) – noch etwas mit auf den Weg geben?
Die Frage spricht mich persönlich sehr an, da ich tatsächlich die Erste der Familie bin, die eine akademische Laufbahn eingeschlagen hat. Ich weiß, dass neben möglichen finanziellen Hürden auch viele Unsicherheiten und Versagensängste das Denken prägen können. Dabei ist es wichtig, dass du Vertrauen in deine Fähigkeiten und Fertigkeiten hast. Nimm einfach die Möglichkeit eines Stipendiums für dich wahr. Ich kann sagen, dass die Aufnahme bei Villigst sehr bereichernd ist und sich mir Möglichkeiten (beispielsweise ein Auslandspraktikum) eröffneten, die davor für mich als weitgehend unrealistisch erschienen.
Bleib daher mit deinen Fragen, Unsicherheiten und Ängsten nicht allein und such dir Unterstützung, etwa auf der Homepage von Villigst.
Trau dich, ein Studium aufzunehmen und dich bei einem Begabtenförderungswerk zu bewerben!  
(Interview: November 2016)