Avicenna -Studienwerk

Tayyib Yavuz Cayirli Name: Tayyib Yavuz Cayirli
Studiengang: Kommunikationsdesign
Semester: 4. Semester
Hochschule: Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg, Department Design
Auslandsaufenthalt: Istanbul
Stiftung: Avicenna-Studienwerk (Muslimisches Förderwerk)

Wie bist du auf die Idee gekommen, dich beim Avicenna-Studienwerk zu bewerben?

Ich bin nie auf die Idee eines Stipendiums gekommen, da ich dachte, dass meine Noten nicht ausreichen werden. Ich bin seit vielen Jahren in verschieden Jugendorganisationen ehrenamtlich tätig. Auf einer Informationsveranstaltung der islamischen Hochschulgemeinde Hamburg e. V. entstand dann der Kontakt mit dem Avicenna-Studienwerk.

Es war eine sehr umarmende und motivierende Vorstellung. Ich war überzeugt, dass eine Chance besteht, aufgenommen zu werden und habe mich sofort beworben. Es gab natürlich diverse Faktoren die diese Entscheidung unterstützt haben wie z. B. die schwierige finanzielle Lage in unserem Haushalt. Jedes Familienmitglied musste arbeiten und durch mein soziales Engagement blieb mir wenig freie Zeit für kreative Entfaltung. Durch mein Studium im Fachbereich Design konnte ich diese kreative Lücke gut füllen.

Was bedeutet es für dich, ein Stipendiat zu sein?

Ein Stipendiat zu sein kann für jeden etwas Anderes bedeuten, aber ein muslimischer Stipendiat beim Avicenna-Studienwerk zu sein, ist für mich etwas Besonderes. Mit dem Stipendium kann ich mir nun größere Ziele setzten. Für mich ist es eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und gegenüber anderen aufstrebenden Schülern oder Studenten, wenn ich als Vorbild fungieren soll. Ich bin mir bewusst, dass man mir hier eine große Chance gibt, etwas Großes zu bewegen. Als Stipendiat handele ich mit diesem Bewusstsein.

Auf welche Weise wirst du vom Avicenna-Studienwerk gefördert?

Die Förderung für mich besteht aus einer finanziellen und ideellen Förderung. Ich werde außerdem für meine studienrelevanten Weiterbildungen im Ausland zusätzlich gefördert. In der Türkei lerne ich die traditionelle islamische Kalligrafie und die sogenannte "Ebru Malerei" (Marmorierung) von speziell ausgebildeten Meistern kennen.

Daneben können wir auf ein Netzwerk an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zurückgreifen, die unser Studentenleben als Mentoren begleiten. In meinem bisherigen Schulleben habe ich keinen Mentor an meiner Seite gehabt, der mich bei schulischen Schwierigkeiten unterstützen konnte.

Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zu viel“ verdienen?

Nicht ganz. Es gibt eine Studienkostenpauschale von 300 Euro für jeden Stipendiaten. Das Grundstipendium hingegen ist einkommensabhängig und beträgt maximal 600 Euro. Meine Eltern haben noch nie wirklich viel verdient. Mein Vater war sehr lange arbeitssuchend, weil seine Ausbildung als Radio- und Fernsehtechniker mit der Zeit immer überflüssiger wurde und sein Schulabschluss nicht ausreichend war. Meine Mutter hat keinen Schulabschluss und ihr Deutsch ist daher mittelmäßig bis ausreichend. Viel zu verdienen lag für meine Eltern weit in der Ferne.

Stellt das Avicenna-Studienwerk auch Erwartungen an dich als Stipendiat? Welche Ziele verfolgt das Avicenna-Studienwerk?

Das Avicenna-Studienwerk will an der Heranbildung von verantwortungsbewussten und qualifizierten muslimischen Persönlichkeiten mitwirken und sie auf Führungspositionen in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Bereichen vorbereiten. Dafür erwarten sie überdurchschnittliche akademische Leistungen und soziales Engagement in ehrenamtlichen Projekten. Das Potential jedes einzelnen Stipendiaten soll voll ausgeschöpft werden.

Ab welchem Schuljahr bzw. auch Semester ist eine Bewerbung möglich?

Es können sich Abiturienten im letzten Schuljahr sowie Studierende und Promovierende bewerben. Voraussetzung ist, dass man zum Zeitpunkt der Bewerbung noch mindestens 4 Semester zu absolvieren hat.

Wie verlief dein Auswahlverfahren beim Avicenna-Studienwerk?

Mich hat es gefreut, dass so viele im meinem Umfeld an mich geglaubt haben. Allein die Freude an der Rückmeldung, dass ich in die engere Auswahl gekommen bin, war sehr groß. Für das Gespräch mit der Jury war ich sehr motiviert, entschlossen und gut vorbereitet. Das Ganze verlief sehr angenehm.

Wie sieht deiner Meinung nach eine erfolgreiche Bewerbung aus?

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Auswahlkommission des Avicenna-Studienwerks ähnliche Erfahrungen in ihrer Laufbahn wie die Bewerber und Bewerberinnen gemacht haben. Viele kommen aus Arbeiterfamilien und hatten große Schwierigkeiten in Schule und Studium. Fast alle sind oder waren selber ehrenamtlich engagiert. Durch ihre Lebenserfahrung, Menschenkenntnis und akademisches Wissen können sie Potenziale noch präziser erkennen. Man bewirbt sich ohnehin nur, wenn man überzeugt davon ist, dass man eine Chance hat.

Ein Gutachten von einem Professor, einer Professorin zu verlangen, ist bei vielen Bewerbern nicht einfach, da es bei einer großen Anzahl an Studierenden nicht immer leicht ist, einen persönlichen Kontakt zu den Dozierenden aufzubauen. Daneben spielt das soziale Engagement eine sehr große Rolle. Damit bringt man schon wichtige Voraussetzungen wie die Verantwortungsbereitschaft gegenüber der Gesellschaft mit. Das Wesentliche einer erfolgreichen Bewerbung liegt in der Motivation selbst. Deshalb rate ich jedem, sich Zeit für sein Motivationsschreiben zu nehmen.

Was bedeutet es, wenn für die Bewerbung „soziales Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst du dich?

Soziales Engagement bestimmt die Persönlichkeit eines Menschen sehr. Viel wichtiger ist es, sich für diesen Schritt überhaupt zu entscheiden. Verantwortung in der Gesellschaft zu zeigen und den Drang zu haben, positives zu bewirken, wird in Förderwerken begrüßt.

Für mich ist das soziale Engagement auch in meinem muslimischen Glauben verankert. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr arbeite ich in Moscheegemeinden mit Jugendlichen zusammen.

Zurzeit bin ich Referent für Öffentlichkeitsarbeit in der Islamischen Hochschulgemeinde Hamburg. Wir organisieren Veranstaltungen verschiedenster Art. Dazu gehören wissenschaftliche Vorträge, Kunst- und Kulturveranstaltungen, Nachhilfekurse, Bildungsreisen und interreligiöse Dialoge. Uns ist es wichtig, dass in erster Linie muslimische Studierende die Möglichkeit haben, sich in diesen Bereichen bei uns zu informieren und weiterzubilden. Sie sollen wissen, dass sie bei spezifischen Anliegen uns immer ansprechen können. Unser Ziel ist es, die muslimische Community in Hamburg zusammenzuhalten und Kontakte zueinander zu schaffen.

Müssen Bewerberinnen und Bewerber die muslimische Konfessionszugehörigkeit besitzen? Musst du in der muslimischen Gemeinde aktiv sein?

Auch wenn die muslimische Konfessionszugehörigkeit wichtig ist, können sich auch Nichtmuslime beim Avicenna-Studienwerk bewerben. Das fördert auch den interreligiösen Dialog unter den Stipendiaten. Ein Engagement in einer muslimischen Gemeinde ist keine Bewerbungsvoraussetzung.

Möchtest du zukünftigen Bewerbern, Bewerberinnen oder generell OberstufenschülerInnen und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?

Das Geheimnis des Erfolges steckt in der Geduld. Diese Geduld wird von Lehrern, Mentoren aber auch von Eltern mit oder ohne akademischen Hintergrund kommuniziert. Ich habe die Erkenntnis gemacht, dass ich oft ungeduldig war. Seine Schwächen früh zu erkennen, ist sehr wichtig. Sie sollen sich bewusst werden, dass keiner einem etwas schenkt. Harte Arbeit, Fleiß und Eifer sind gute Voraussetzungen für den Erfolg.

Man sollte seine Leidenschaften früh erkennen und fühlen wofür man brennt. Sie sollten keine kalten Karrieristen sein, dem Leben etwas zurückgeben und Spuren hinterlassen.

(Interview: September 2015)