Rosa-Luxemburg-Stiftung

Name: H. Yakut
Alter: 25 Jahre
Studiengang: Psychologie
Semester: 8. Semester
Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin
Auslandssemester: keine
Stiftung: www.rosalux.de
(Die Stiftung steht der Partei Die Linke nah.)

Logo der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu bewerben?

Es war so, dass ich für mein Psychologiestudium nach Hamburg gezogen bin, wo ich nebenbei viel arbeiten musste, um es mir finanziell leisten zu können. Da ich schon seit der Grundschule engagiert bin, habe ich mich nach einer Phase der Umgewöhnung einer Studentenvereinigung angeschlossen. So lernte ich eine ehemalige Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung kennen, die mir riet, mich für ein Stipendium zu bewerben. Bald darauf fing ich an, mich über die verschiedenen Stiftungen zu informieren. Es war für mich sehr schnell klar, dass ich mich bei der Rosa Luxemburg Stiftung bewerben wollte. Im zweiten Semester bewarb ich mich dann auch.

Was bedeutet es für Dich eine Stipendiatin zu sein?

Es ist nicht so, dass ich total stolz darauf bin, eine Stipendiatin zu sein. Für mich bedeutet das Stipendium einfach eine gute Möglichkeit, mich ohne finanziellen Druck und mit ideeller Unterstützung weiter zu entwickeln. Der besondere Reiz liegt im Input durch die Stiftung selbst. Ich lerne dort viele Leute kennen, die verstehen, warum ich mich engagiere. Mensch bekommt Hilfe sowohl im Studium als auch für eigene geplante Projekte. Auch lernte ich durch meinen Vertrauensdozenten die Kritische Psychologie kennen, die meine Sichtweise auf die ‚herkömmliche Psychologie‘ maßgeblich prägte. Die Kritische Psychologie ist eine emanzipatorische Wissenschaft, welche die Entwicklung des Subjekts in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen untersucht und mit den Methoden sowie kausalen Zusammenhängen der Psychologie sehr kritisch umgeht.

Auf welche Weise wirst Du von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert?

Es gibt generell zwei Arten der Förderung – ideell und finanziell. Die finanzielle Förderung bedeutet, dass mensch abgesichert ist. Mensch muss neben dem Studium nicht arbeiten gehen, wobei das natürlich jedem selbst überlassen ist. Die finanzielle Förderung umfasst auch die Unterstützung von Auslandsaufenthalten, Praktika, etc.

Für mich selbst ist die ideelle Förderung unter anderem in Form von Veranstaltungen und Seminaren mindestens genauso wichtig. Die Rosa Luxemburg Stiftung unterstützt die ideelle Weiterentwicklung von StudentInnen in jeder Hinsicht. Es werden übrigens auch Fahrt- und Unterkunftskosten erstattet um die Teilnahme an Veranstaltungen in verschiedenen Städten bzw. Ländern zu ermöglichen.

Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zu viel“ verdienen?

Ja, das Einkommen der Eltern spielt eine Rolle, weil das Stipendium ähnlich wie das BAföG errechnet wird. Wenn ich mich recht erinnere, sind einige Regelungen aber nicht ganz so streng wie das Förderungsgesetz. Nichtsdestotrotz spielt es eine Rolle, wie viel die Eltern verdienen. Wenn es „zu viel“ ist, bekommt mensch „nur“ das Büchergeld in Höhe von 150 Euro (300 Euro ab Wintersemester 2013/2014) sowie die ideelle Förderung.

Stellt die Rosa-Luxemburg-Stiftung auch Erwartungen an Dich als Stipendiatin?

Ja, auf jeden Fall. Eine wichtige Erwartung ist das gesellschaftspolitische Engagement im Sinne der sozialen Gerechtigkeit. Engagement ist natürlich sehr individuell, d. h. dazu gibt es keine Vorschriften. Während sich ein Stipendiat zum Beispiel in der Fachschaft seiner Studienrichtung einbringt, organisiert ein anderer Stipendiat Projekte in seiner Nachbarschaft oder engagiert sich in einer antirassistischen Gruppe oder dreht einen Film zu Berliner Szenen, etc. Der uns alle verbindende Punkt ist das Bestreben, soziale Gerechtigkeit anzustreben und „ein Stückchen“ wiederherzustellen.

Ein anderer Punkt sind gute Noten. Diese Erwartung ist meiner Ansicht nach zum Teil kritisch, da es nicht immer und für alle leicht ist, sich ehrenamtlich zu engagieren und zugleich gute Noten zu erhalten. Aber wenn mensch erst in der Fördergruppe ist, kann mensch eine Verlängerung der Förderung beantragen, wenn die Regelstudienzeit aufgrund des gesellschaftlichen Engagements nicht eingehalten werden kann.

Außerdem gibt es interne Veranstaltungen, die mensch nach Möglichkeit besuchen sollte. So gibt es zum Beispiel regelmäßig stattfindende Regionaltreffen oder Stammtische, die oft sehr spannende Themen behandeln. Es werden Vorträge seitens der Stipendiaten gehalten, gemeinsam diskutiert, etc.

Welche Ziele verfolgt die Rosa-Luxemburg-Stiftung?

Die Rosa Luxemburg Stiftung gehört zur Grundströmung des demokratischen Sozialismus. Die Ziele sind unter anderem die politische Bildung und die gesellschaftliche Aufhebung der sozialen Ungerechtigkeit. Dazu gehört auch viel Analysearbeit in Bezug auf gesellschaftliche Gegebenheiten und Entwicklungen wie beispielsweise Wirtschaftsentwicklungen und Krisen. Grob gesagt, trägt die Rosa-Luxemburg-Stiftung ihren Teil dazu bei, die gesellschaftliche Gerechtigkeit zu unterstützen. Die Stiftung hat außerdem auch Büros außerhalb Deutschlands, welche die Aufklärungsarbeit fördern.

Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich bewerben?

Man kann sich generell ab dem zweiten Semester bewerben. Neuerdings gibt es jedoch das Programm „Lux like Studium“. Dieses Projekt fördert Menschen mit Migrationshintergrund, die gerade ihr Abitur machen und keine finanzielle Möglichkeit für die Aufnahme eines Studiums sehen, d. h. es können sich schon Oberstufenschüler bewerben. Das Projekt läuft gerade an. Ich unterstütze es mit, in dem ich dafür Werbung an den Oberstufen mache. Mit solch einem Projekt können gerade jene erreicht werden, die nicht einmal die Mittel zur Aufnahme des Studiums haben, also eine der am meisten gesellschaftlichen benachteiligten Gruppen. Ich freu mich sehr über dieses Programm und hoffe auf große Resonanz.

Wie verlief Dein Auswahlverfahren bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung? (Dauer/Ablauf/Auswahlgespräche/Probleme)

Die Förderung an sich beginnt ab April bzw. Oktober. Das Verfahren empfand ich persönlich als unkompliziert. Im ersten Schritt prüft ein Komitee aus Studenten, Dozenten und Mitarbeitern der Stiftung die Bewerbung. Im Anschluss daran finden Gespräche zwischen den Vorabkandidaten und Vertrauensdozenten statt, die wiederum eine Empfehlung für jede Person schreiben. Wenn ich richtig informiert bin, findet die letzte Entscheidung dann im Komitee statt.

Ich hatte meine Bewerbung schon im November abgeschickt und wurde dann im März zu einem Auswahlgespräch eingeladen, das mit einem Vertrauensdozenten stattfinden sollte. Ich befand mich zu der Zeit im Ausland und würde erst einige Tage später in Deutschland sein als zum festgelegten Termin. Nach einem kurzen Telefonat mit der Rosa Luxemburg Stiftung wurde der Termin jedoch unkompliziert um einige Tage verschoben, sodass ich ganz entspannt nach Deutschland zurückkehren konnte. Der Umstand, dass es keine Diskussionsrunden gab, bei denen ich mich beweisen musste und dass der Vertrauensdozent und ich alleine waren, nahm mir einen erheblichen Teil des Drucks und der Nervosität. Ich hatte im Anschluss daran ein schlechtes Gefühl. Er stellte mir so viele Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Umso überraschter und glücklicher war ich über die Zusage nach einigen Wochen!

Mir ist mittlerweile klar: gute Noten und gesellschaftspolitisches Engagement allein reichen nicht. Es geht auch darum, wer ich bin, was ich denke und was meine Ziele sind.

Wie sieht Deiner Meinung nach eine erfolgreiche Bewerbung aus?

Ich kann darüber keine pauschale Aussage treffen. Man sollte mit seinem gesellschaftspolitischen Engagement in die Grundströmung der Rosa-Luxemburg-Stiftung passen. Nicht alle politischen Ansichten der Linken sind identisch, aber wenn Ihr Euch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung bewerbt, dann sollte klar sein, in welchem politischen Milieu Ihr Euch wohlfühlt.

Gute Noten spielen leider auch eine wichtige Rolle, wobei die Rosa Luxemburg Stiftung nach eigenen Aussagen versucht, die individuelle Situation der Bewerber mit zu beachten. Für das „Lux like Studium“-Programm sind Noten dagegen weniger wichtig, da zählt der Lebenslauf und das Engagement.

Ihr solltet Euch zudem nicht künstlich dem Vorstellungsgespräch anpassen. Zeigt ruhig Selbstbewusstsein oder steht dazu, wenn Ihr kein so großes Selbstbewusstsein habt. Es geht nicht darum zu glänzen, sondern darum zu überzeugen. Ein Stein mit Ecken und Kanten wirkt nicht selten schöner als ein geschliffener Diamant.

Was bedeutet es, wenn „gesellschaftliches und politisches Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst Du Dich?

Gesellschaftspolitisches Engagement bedeutet für mich, meinen Teil gegen die ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen. Ich engagiere mich unter anderem im Haukari-Verein. Unsere Hilfsorganisation unterstützt insbesondere die Anfal-Witwen, die ihre Angehörigen bei Giftgasangriffen im Rahmen der sogenannten Anfal-Operationen unter dem Saddam Hussein Regime verloren. Außerdem bin ich in verschiedenen Studentenvereinen tätig, etc.

Ist es nicht schwierig, da alles im Blick zu behalten?

Ein Stipendiat muss sich gut organisieren können. Das gilt auch für das Geld, das alle drei Monate überwiesen wird. Die Uni kommt bei mir zum Teil zu kurz, aber ich finde das nicht schlimm. Mir ist vor allen Dingen wichtig, mich auf den Gebieten, die mich interessieren, weiter zu entwickeln. Ich muss keine brillanten Noten haben, um mit meiner Leistung zufrieden zu sein. Wichtig ist mir, den Spagat zwischen Engagement und Uni gut hin zu kriegen. Und der funktioniert nur mit guter Planung.

Muss man Mitglied in der Partei Die Linke oder deren Jugendverband sein? Muss man überzeugter Sozialist sein?

Nein, mensch muss nicht in der Partei oder im Jugendverband sein. Sonst hätte ich mich auch nicht bei der Rosa Luxemburg Stiftung beworben. Und überzeugter Sozialist – was ist das schon? Frag mal zehn Stipendiaten der Rosa Luxemburg Stiftung, was denn ein überzeugter Sozialist ist und du wirst neun verschiedene Antworten bekommen. Das wichtigste ist, dass mensch sich mit der linken Grundströmung identifizieren kann. Alles andere ist individuell.

Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?

Was ich mir vom Herzen wünsche und mit geben möchte ist: Du musst Dich trauen! Trau Dich, auch wenn andere an die zweifeln. Vorhandene Systeme und gesellschaftliche Strukturen sind letzten Endes auch nur konstruiert. Keiner kann und darf einem sagen, wie viel mensch aufgrund seiner ethnischen oder gesellschaftlichen Herkunft zu leisten in der Lage ist. In der siebten Klasse hat mir meine Deutschlehrerin gesagt: „Mit deiner Konzentration schaffst du das Abitur nimmer.“ Sechs Jahre darauf händigte Sie mir mein Abiturzeugnis aus, das zu den Besten in der Schule zählte. Kein/e LehrerIn und kein Nachbar darf deine Grenzen bestimmen. Ich glaube daran, dass mensch eigene Grenzen testen muss, um sie aufzuheben.

Haben wir noch eine wichtige Frage vergessen?

Wie wär’s mit der Frage danach, was mensch nach dem Studium zu machen gedenkt? Wobei ich selbst nicht ohne weiteres darauf antworten könnte, weil sich momentan bei mir so einiges in Bezug auf meine Interessen tut und ändert.

(Interview: September 2011)

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