START-Stiftung

Kübra Fadime KaratasName: Kübra Fadime Karatas
Alter: 18 Jahre
Schule: Friedrich-Ebert-Oberschule (Gymnasium)
Stiftung: www.start-stiftung.de

Logo der START-Stiftung

 

 

 

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich beim Stipendienprogramm START zu bewerben?

Ich bin relativ früh ins Stipendienprogramm gekommen. Ich war 13 Jahre alt als ich mich beworben habe. Eine Bekannte war bereits in der Förderung. Sie hat mir davon erzählt und ich habe mir eine Broschüre darüber angeschaut. So ganz wusste ich nicht, was da auf mich zukommt, aber ich habe mich beworben.

Möchtest Du eigentlich später ein Studium beginnen?

Ja, ich möchte in einem Jahr auf jeden Fall studieren. Die Richtung steht noch nicht ganz fest, die hängt von meinem Notendurchschnitt ab. Aber ich denke an Psychologie oder Medizin.

Was sagen Deine Eltern zu diesem Wunsch?

Meine Mutter unterstützt mich soweit sie kann. Sie steht hinter mir, auch wenn sie nicht studiert hat. Sie ist gelernte Altenpflegerin und arbeitet seit fünf Jahren als Stadtteilmutter in Berlin. Dafür knüpft sie Kontakte zu anderen Müttern mit Migrationshintergrund und berät sie zum Beispiel bei Behördenangelegenheiten oder in Ernährungsfragen. Das ist ganz unterschiedlich. Mein Vater hat studiert, aber er lebt in der Türkei.

Was bedeutet es für Dich, eine Stipendiatin zu sein?

Ich bin seit 2006 Stipendiatin. Das Stipendium war so etwas wie ein Geburtstagsgeschenk, denn die Zusage kam an meinem 14. Geburtstag.

Um angenommen zu werden, muss man bestimmte Kriterien erfüllen. Ich habe mich nun schon vor der Bewerbung sozial engagiert, denn gute Noten kommen und gehen, aber wer sich sozial engagiert, der tut etwas für die Gesellschaft. Und START hat mir gezeigt, dass das wertgeschätzt wird. Bei START bist Du nicht allein, Du bist Teil des Ganzen. Die Leute sind anders als die, die Du aus der Schule kennst. Ich teile andere Sachen mit ihnen, ich lerne andere Sichtweisen kennen. Wir diskutieren und reden über andere Themen als über die Sachen, über die in der Schule geredet wird.

Auf welche Weise wirst Du durch das Schülerstipendium gefördert?

Es gibt eine ideelle und eine finanzielle Förderung.
Die ideelle Förderung beinhaltet ein Seminar pro Halbjahr. Es gibt Regionalgruppentreffen, die Dir Gelegenheit geben, andere Stipendiaten kennenzulernen. So ein Treffen hat immer einen Bildungsaspekt und was ich bei START mag ist, dass Bildung nicht heißt, dass wir ständig ins Museum gehen. Wir besuchen auch Musicals oder gehen mal ins Theater. Wir machen auch sportliche Sachen, zum Beispiel Eislaufen oder wir spielen Beachvolleyball.

In Deutschland gibt es fünf Verbunde und einen weiteren in Österreich, darum gibt es auch ein Verbundtreffen im Jahr. Und dann gibt es Seminare, in denen bestimmte Themen angeboten werden, zum Beispiel „Medien? Macht? Politik!“ und „Computertraining“. Es gibt auch Wahlseminare, ich habe oft welche über Politik besucht. Das interessiert mich immer. Man kann auch die Fußballakademie besuchen, es gibt Turniere zwischen den Regionalgruppen. In Workshops kann man dann beispielsweise ein Opernstück proben, das dann beim Jahrestreffen aufgeführt wird. Das Jahrestreffen ist wichtig für uns, weil wir auch mal alle Mitarbeiter der START-Stiftung treffen. Wir haben Landeskoordinatoren, die sich um uns kümmern. Ich habe oft mit ihnen gesprochen, wenn ich Probleme hatte.

Durch die finanzielle Förderung bekommen wir ein Bildungsgeld von 100 Euro pro Monat, das wir wirklich nur für Bildung ausgeben. Ich gebe es meistens für den Kauf von Büchern aus, weil man die nicht zurückgeben muss wie Leihbücher. Ich spare auch für meine Sprachreisen, zum Beispiel war ich schon in Spanien. Am Anfang der Förderung gibt es auch einen Laptop, einen Drucker und einen Internetanschluss. Und durch die Zusatzförderung bekommen wir 700 Euro pro Schuljahr. Ich bin dadurch nach China gefahren, habe dort ein paar Tage eine Schule besucht und in einer chinesischen Familie gelebt, um die Kultur kennenzulernen.

Was ist Dir bei dem Förderprogramm wichtig?

Die finanzielle Förderung hat mir meine Fahrten ermöglicht, aber die ideelle Förderung ist mir auf jeden Fall wichtiger. Die Ferienakademien haben mich geprägt. Du suchst Dir dort das raus, was Dich wirklich interessiert. Ich habe meine Ferien anders verbracht als früher, das war schön.

Stellt die START-Stiftung auch Erwartungen an Dich?

Für die Stiftung ist es ganz wichtig, dass wir als Vorbilder wirken. Was wir bekommen haben, das wollen wir auch an andere weitergeben. Ziel ist es ja nicht, einen Stipendiaten zu fördern, sondern auch auf sein Umfeld einzuwirken. Wir ziehen Freunde und Geschwister mit unserem Wissen mit. Ich bin in erster Linie für meine zwei Geschwister ein Vorbild.

Mein Schuldirektor hat mich auch gebeten, das Förderprogramm auf Elternabenden und in der Schule vorzustellen, damit es für andere bekannt wird. Bei einigen hat es auch geklappt, sie sind jetzt ebenfalls Stipendiaten.

Auf der anderen Seite erwartet START, dass wir sozial aktiv bleiben und unser Bestes in der Schule geben. Keine Angst, es wird nicht erwartet, in jeder Klausur eine Eins zu schreiben. Wir sollen nur etwas für unsere Zukunft tun.

Wie engagierst Du Dich?

Ich habe eine Zeitlang etwas für UNICEF gemacht. Ich war Klassen- und auch mal Schulsprecherin. Jetzt habe ich meine erste eigene Stadtführung vor mir und dieses Wochenende verlegen wir mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KigA e.V.) die sogenannten Stolpersteine.

Ist das alles nicht ganz schön viel und anstrengend?

Es gab Zeiten, da habe ich mich mehr engagiert als etwas für die Schule gelernt. Es hat mir Spaß gebracht, denn ich muss etwas machen, damit etwas passiert. Ich denke, jeder kann ein wenig aktiv sein und sich sozial engagieren. Aber es gab bei mir auch andere Momente, da war das alles wirklich viel. In der zwölften Klasse habe ich mich dann nur auf die Schule konzentriert. Das habe ich dann im Halbjahresbericht für die START-Stiftung auch so geschrieben. Das ist o.k.

Musstest Du bei Deiner Bewerbung bereits wissen, was Du später beruflich machen möchtest?

Nein, auf keinen Fall wird erwartet, dass Du schon weißt, was Dein Berufswunsch ist. Das hat sich auch bei mir ständig geändert.

Welche Ziele verfolgt das Stipendienprogramm START?

Die START-Stiftung möchte jedem die Möglichkeit geben - egal wie der Bildungsgrad oder die finanzielle Lage der Eltern aussieht - eine qualitative Bildung zu erhalten. START investiert in Köpfe, die die Zukunft von Deutschland prägen werden. Denn Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen genauso die Chance haben, Deutschland mitzugestalten.

Ab welchem Schuljahr kann man sich bewerben?

Du kannst dich bewerben, wenn Du die 9. oder 10. Klassenstufe (bei 13-jähriger Schulzeit) bzw. die 8. oder 9. Klassenstufe (bei 12-jähriger Schulzeit) besuchst. Denn Du sollst über einen längeren Zeitraum gefördert werden. Auf der Internetseite www.start-stiftung.de kannst Du Deine Kurzbewerbung einreichen.

Wie verlief Dein Auswahlverfahren für das Stipendium? (Dauer/Ablauf/Auswahlgespräche/Probleme)

Ich gehöre zu den alten Hasen, deshalb war das Auswahlverfahren noch ein bisschen anders als es jetzt ist, (mittlerweile bewirbst Du Dich online). Ich habe ein Motivationsschreiben verfasst, darin stand, warum ich die Förderung wollte. Dann habe ich noch Lebenslauf, Zeugnisse, Elternnachweise und Nachweise über mein soziales Engagement beigefügt. Außerdem hat ein Lehrer ein Gutachten geschrieben.

Man muss bei allem natürlich bleiben! Zeig Deine Persönlichkeit. Du solltest einen Notenschnitt von mindestens 2,5 haben, aber es gibt selbstverständlich Ausnahmen. Bewerbe Dich also auch mit 2,7.

Und Du solltest einen Migrationshintergrund haben. Auch wenn Du die deutsche Staatsbürgerschaft hast und/oder hier geboren bist und Deine Eltern oder Großeltern zugewandert sind, bist Du geeignet.

Ich habe alle Unterlagen eingeschickt und wurde dann zu einem Gespräch eingeladen. Das hat rund 25 Minuten gedauert. Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass mir bei dem Gespräch gleich neun Leute gegenüber saßen. Und das ist hart. Bei anderen Stipendiaten waren nicht so viele dabei. Nach einer Woche bekam ich die Zusage und dann fand ein Treffen zum Kennenlernen statt. Ganz wichtig ist die Aufnahmezeremonie, bei der Du Deine Urkunde erhältst. Da sind Deine Eltern und Freunde dabei und auch die Geschäftsführer der START-Stiftung.

Die Förderung ist erst einmal für ein Jahr, wenn alles gut läuft, wird sie verlängert. Es gibt zum Beispiel Pflichtseminare wie „Grundrecht“ oder „Berufliche Orientierung“, die Du besuchen solltest.

Wie sieht Deiner Meinung nach eine erfolgreiche Bewerbung aus?

Das Gutachten vom Lehrer ist wichtig. Du solltest Dir dafür jemanden aussuchen, mit dem Du Dich gut verstehst. Im Vordergrund steht außerdem Dein soziales Engagement. Für das Vorstellungsgespräch kann ich Dir nur empfehlen, locker zu bleiben. Die suchen keine perfekten Menschen. Du darfst Ecken und Kanten haben.

Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Schülerinnen und Schülern, deren Eltern nicht studiert haben, noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich habe Freunde, die sagen, die Zukunft sei vorbestimmt, zum Beispiel durch die Familie. In Deutschland stehen Dir aber alle Wege offen. Bildung ist ein wichtiges Gut, das solltest Du ausschöpfen. Du solltest Ziele haben, auch kleine, die Dich motivieren.

Haben wir noch eine wichtige Frage vergessen?

Bei der Bewerbung ist es wichtig natürlich zu bleiben, trotz allem was man erlebt hat. Manche Stipendiaten sind Flüchtlinge oder haben Schlimmes mitgemacht. Einige sind zu Fuß aus Afghanistan geflohen. So etwas solltest Du erwähnen, Du kommst nicht aus einer perfekten Familie. Bei START begegnest Du Leuten, die ihre Chance nutzen wollen. Auch START hat mich großgezogen und ich wäre nicht die gleiche ohne diese Förderung.

(Interview: Februar 2011)