Jennifer Jasberg, Studienstiftung des deutschen Volkes

Logo der Studienstiftung des Deutschen Volkes Foto von Jennifer Jasberg

Welchen Studiengang / Welches Studienfach studierst Du an welcher Universität? 

Ermutigend ist es sicher nicht zu lesen, was und vor allem in welchem Umfang ich studiere, aber vielleicht beruhigt es ja, wenn ich unmittelbar darauf hinweise, dass ich auch nur mit einem normalen Magisterstudiengang begonnen habe.  

Beendet werden wollen derzeit gerade zwei Magisterstudiengänge, also insgesamt fünf verschiedene Fächer. In Göttingen, einer der nun vermeintlichen „Elite-Unis“ des Landes, studiere ich seit 2003 Arabistik, Politikwissenschaft und Geschlechterforschung sowie Ethnologie und Iranistik. Das ist sicher nicht das Ergebnis meiner persönlichen Anpassung an das Elitäre noch brillanten Übereifers, sondern vielmehr das des finanziellen wie auch ideologischen Rückhalts der Studienstiftung, die mir die Beschäftigung mit den meines Erachtens sich durchaus ergänzenden Fächern erlaubt! 

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich bei der Studienstiftung des deutschen Volkes zu bewerben?

Auf diese Idee wäre ich nicht alleine gekommen und selbst wenn dem so wäre, hätte mir das leider nicht viel weiter geholfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Stiftungen ist eine Bewerbung nicht möglich, sondern man hofft vielmehr aufgrund der Leistungen im Abi oder zu Beginn des Studiums von seinen Lehrenden vorgeschlagen zu werden. Bis zu meinem Vorschlag nach der Zwischenprüfung hatte ich noch nie zuvor von dieser noch von anderen Stiftungen gehört und obwohl dezenterweise das „deutsche Volk“ dahinter steht, ließe sich bestimmt diese Unkenntnis auch in vielen Instituten und Schulen ausfindig machen, was die Förderung vieler junger Menschen leider verhindert. Die Tatsache, dass all diese Einrichtungen in regelmäßigen Abständen Vorschläge für StipendiatInnen machen können und sollen, ist  vielfach unbekannt, so dass gerade kleinere Bereiche, in denen sich die Elitenreproduktion nicht schon längst etabliert hat, benachteiligt scheinen.

Auf welche Weise wirst Du bei der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert?

Da ich als Kind von Nicht-Akademikern nicht nur der schönen Gruppe derjenigen mit „bildungsarmem“ Hintergrund angehöre, sondern auch keine allzu großen Aufwendungen von zuhause erwarten kann, beziehe ich ein Stipendium in Höhe des Bafög-Satzes, das ich im Gegensatz zu jenem nicht zurückzuzahlen brauche. Zusätzlich bekomme ich wie jeder andere Stipendiat ein monatliches Büchergeld in Höhe von 80 Euro. Natürlich verlangt die Studienstiftung keinen Nachweis über die Investition in große Literatur, so dass man das Geld getrost auch in Kneipentouren zur Festigung sozialer Strukturen nutzen kann. Das Wissen jedoch um die Möglichkeit seine Lernmittel selber beschaffen zu können, beruhigt in bestimmten Phasen des Studiums doch sehr, besonders dann, wenn tatsächlich Lehrbücher in Höhe von mindestens 50 Euro angeschafft werden müssen, zumal die wenigsten Hochschullehrer noch nachvollziehen können, dass Beträge derart schon für Probleme, vor allem seit Einführung der Studiengebühren sorgen können und daher es völlig außer Frage steht, eine ältere oder gebrauchte Ausgabe anzuschaffen. 

Das Großartigste jedoch ist die Möglichkeit eigene Vorhaben, wie Auslandsaufenthalte oder Auslandssemester an Unis mit ansonsten kaum bezahlbaren Studiengebühren fördern zu lassen. In relativ unproblematischer Weise und aufgrund kompetenter Besetzung der beratenden Stellen, ist die Organisation nicht nur wegen der Finanzen allein, sondern vor allem wegen der wohlwollenden Gesprächspartner aus deren Erfahrungsschatz und von deren Kontakten man unheimlich profitieren kann, gelegentlich auch über andere StipendiatInnen.  

Auf diese Weise konnte ich Recherchen für meine Abschlussarbeit im Libanon verwirklichen und kenne selber viele StipendiatInnen, die im Ausland tolle Erfahrungen gemacht haben wie auch interessante Praktika, die häufig der Berufsfindung den Weg ebneten. 

Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zuviel“ verdienen?

Da meine Eltern keineswegs ausreichend verdienen, um mich unterstützen zu können, profitiere ich von der höchst möglichen Förderung, d.h. ja, das Stipendium ist abhängig vom Einkommen der Eltern. Die häufigen Schwierigkeiten des vermeintlich zu hohen Einkommens der Eltern kennen auch StipendiatInnen der Studienstiftung, da auch jene sich aufgrund der Verwendung von Steuergeldern rechtzufertigen hat und am Bafög orientiert rechnet. Allerdings macht es meiner Ansicht nach schon einen gravierenden Unterschied ob man über diese Schwierigkeiten und problematischen Situationen, die sich ergeben mögen, mit jemandem spricht, der generell das Studienvorhaben als förderungswürdig, gar bereichernd für die Gesellschaft empfindet und großes Interesse an der Fortführung dieses Studiums hat oder ob man mit meist überlasteten Beamten, denen man vermutlich keine persönlichen Beziehungen unterhält, konfrontiert sieht. 

Stellt die Studienstiftung des deutschen Volkes auch bestimmte Erwartungen an Dich als Stipendiatin?

Erwartungen und konkrete Forderungen habe ich noch keine ausfindig machen können. Da es der Stiftung an politischen Zielen oder parteilichen wie konfessionellen Bindungen mangelt, bleibt die Orientierung an Leistungen wohl der alleinige Teil, der gelegentlich belegt werden soll. Ohne Furcht verfasst man im Anschluss ans Semester oder Studienjahr einen knappen Bericht über den Verlauf und die Entwicklungen des Studiums, die sich zwar an die Vertrauenspersonen richten, sicherlich aber auch die eigenen Ziele noch einmal einer eigenen Überprüfung aussetzen, was nicht ganz unsinnig sein mag, vor allem im Rückblick erscheinen manch gegangenen Wege und Entscheidungen dann oft unterhaltsam. 

Das Angebot der Studienstiftung, das Sprachkurse im Ausland, die Sommerakademien und verschiedenen wissenschaftlichen Kollegs sind lediglich sehr reizvolle Angebote, die man nutzen sollte, aber keinesfalls nutzen muss. 

Welche Ziele verfolgt die Studienstiftung des deutschen Volkes?

Als größtes Begabtenförderungswerk in Deutschland, das als solches sicher über den größten Rahmen an Mitteln verfügt, sieht sich die Studienstiftung als unabhängig und frei von politischen oder religiösen Orientierungen und zeigt sich bemüht lediglich die akademischen Leistungen ihrer StipendiatInnen zu würdigen. Natürlich ist es das erklärte Ziel den StipendiatInnen bei der flexiblen und erfolgreichen Gestaltung des Studiums zu helfen, welches dann aufgrund der Toleranz und dem Interesse jener sich gesellschaftlich einzubringen auch einen Zweck für die Gesamtgesellschaft erfüllen kann. Die Förderung jener Menschen, die sich über ihre Leistungen wie auch dem Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung auszeichnen, beinhaltet aber natürlich eine gewisse grundsätzliche Befürwortung der politischen Systems und den gesellschaftlichen Konstrukten, die unsere westliche und auch kapitalistische Gesellschaft stützen, sowie auch die Organisiertheit in Hierarchien und Elitenbildung, welche jedoch durchaus kritisch gesehen und bewertet werden kann.  

Die Befähigung zum konstruktiven Dialog mit der Gesellschaft aus der Perspektive der Wissenschaft ist meines Erachtens ein wesentlicher Aspekt für die Studienstiftung und auch ideologische Stärkung unserer liberalen Gesellschaftsform, was es meiner Meinung nach besonders wichtig macht, auch Kinder verschiedenster sozialer Herkunft hier zu versammeln, um den Austausch und die Netzwerke der zukünftigen Eliten stärker zu durchmischen und bunt zu halten! 

Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich bei der Studienstiftung des deutschen Volkes bewerben?

Aufgrund der Besonderheit des Vorgeschlagen-werden-müssens bleibt eigentlich nur die Möglichkeit sich während des Abiturs oder nach ersten Erfolgen im Studium an die Lehrenden zu wenden und nachzufragen, ob sie sich eigentlich ihrer Möglichkeiten vorschlagen zu können bewusst sind. Ansonsten sollte man sich einfach klar machen, dass gute Leistungen in diesem Sinne durchaus lohnenswert sein können. 

Wie verlief Dein Auswahlverfahren bei der Studienstiftung des deutschen Volkes? Davon war ich durchaus positiv überrascht. Ich hatte eigentlich keinerlei Erwartungen an das Auswahlwochenende und auch keine genaue Vorstellungen von dem, was mich dort wohl erwarten würde. Darauf aufbauend freute ich mich besonders, dass ich die Möglichkeit hatte viele nette und interessante Leute aus unterschiedlichen Unis kennen zu lernen. Im Zuge der kurzen Referate in Kleingruppen, in denen die soziale Kompetenz wie natürlich auch die Fähigkeit Inhalte, die einen beschäftigen an Fachfremde zu vermitteln, bewertet werden sollen, habe ich mich ebenfalls gut unterhalten gefühlt. Darüber hinaus verliefen meine Gespräche mit den fachfremden wie auch fachnahen Dozenten ganz gut. Ich hatte den Eindruck, dass ich locker und ungezwungen über Ziele und Ansprüche in meinem Studium reden konnte und selbst Unsicherheiten und Unklarheiten einer konstruktiven Diskussion aussetzen durfte. Dieses Wochenende war auch ohne die Tatsache, dass ich folglich in die Stiftung aufgenommen wurde, sehr lehrreich und spannend und vor allem hatte ich das Gefühl, dass tatsächlich auf mich als Person eingegangen wurde, zumal der Leistungsaspekt ja nicht mehr im Vordergrund stand, da diesen ja zuvor alle Teilnehmer für den Vorschlag erfüllt haben mussten.

Was sind Deiner Meinung nach Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung? Welche Ratschläge würdest Du zukünftigen Bewerbern für die schriftliche Bewerbung und die Auswahlgespräche geben?

Wurde man/frau vorgeschlagen und hat die formal wenig komplizierten Anforderungen erfüllt und angegeben, kommt es während des Auswahlseminars sicher darauf an, dass man so natürlich wie möglich rüberkommt und sich nicht versucht zu inszenieren, sondern seine eigene Interessen, so abgefahren sie auch sein mögen, mit der hoffentlich zu Grunde liegenden Begeisterung darstellen kann. 

Stimmt es, dass nur „Einserkandidaten“ Chancen auf ein Stipendium haben? 

Dies kann zumindest ich verneinen! Mir ist selber aber auch klar, dass ich zu den wenigen Ausnahmen innerhalb der Studienstiftung gehöre, die kein Einser-Abi gemacht haben. Während ich in der Abi-Zeit für meinen Lebensunterhalt Nebentätigkeiten nachging und andere Prioritäten setzte als ein herausragenden Schulabschluss zu machen, half mir zunächst das Bafög mich auf meine Studienfächer, die ich im Gegensatz zu Vielem, das mich in der Schule langweilte, zu konzentrieren und die Einser zu bekommen, die für einen Vorschlag bei der Stiftung nach dem Grundstudium führen konnten. In der Regel werden aber „Streberkarrieren“ sicher bevorzugt, wenngleich auch das kein wirkliches Kriterium ist und einzelne „versaute“ Noten kein Grund zur Resignation sein müssen. 

Was bedeutet es, wenn „gesellschaftliches und politisches Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst Du Dich?

Obwohl mir auch bekannt ist, dass viele StipendiatInnen nicht allzu viel Zeit außerhalb des Studiums mit sogenanntem sozialen Engagement verbringen, scheint der Aspekt, dass man wenigstens gewillt ist, Erkenntnisse, die im Studium gewonnen werden, in die Gesellschaft wieder zurück zu tragen und nicht am Schreibtisch zu vereinsamen, wesentlich. Auf welche Weise dies geschehen mag, ist sehr verschieden und kann von Veröffentlichungen in konventionellen oder szenemäßigen Medien bis hin zu „echtem“ sozialen oder politischen Engagement in Parteien oder NGOs (Non-Governmental Organizations) reichen. Ich selber bin seit Jahren Mitglied bei den Grünen und bin motiviert durch die vorige „Karriere“ in Schülergremien und anderen Jugendorganisationen weiterhin in der politischen Ecke geblieben. Gelegentlich  bringe ich mich bei kommunalen Diskussionen um das Thema Integrationspolitik ein und habe jüngst an der Etablierung einer Hochschulgruppe zur Stärkung der öffentlichen Debatte um Laizismus mitgewirkt. Durch den Zugang, den man über politisches Engagement bekommt, bin ich weiterhin auch Parzelleneigentümerin und Mitglied bei den internationalen Gärten in Göttingen und freue mich tatsächlich auch oft darüber, dass mein oft steifes und an juristischen Linien ausgerichtetes Studium von und über Kulturen hier Kompetenzen im kleinen Rahmen entfalten kann!

Haben wir noch eine wichtige Frage vergessen? Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?

Auch wenn meine Angaben vielleicht irritierend wirken mögen und sicher nicht dem entsprechen, was man/frau sich in der Schulzeit vom Studium erwarten mag, so möchte ich doch ermutigen, in jedem Fall den eigenen Interessen zu folgen und sich nicht von Berufsaussichten und Erfolgsaussichten leiten zu lassen. Mir selber hat es sehr geholfen, dass mein „nicht-akademischer Hintergrund“ im Gegensatz zu vielen anderen keine konkreten Erwartungen an mich stellte, als ich das Studium aufnahm und ich mich frei in der Wahl der Fächer fühlte, wenngleich es auch nicht ganz einfach ist, Dinge dem alt bekannten Umfeld zu verkaufen, die nicht klassischer Weise gesellschaftlich angesehen sind, wie Medizin oder BWL.  

Neben der Freude, sich selber weiterentwickeln zu können und Spaß an der Beschäftigung mit Inhalten zu haben, kann es gelegentlich auch ziemlich befriedigend sein, wenn man merkt, dass der eigene nicht elitäre Hintergrund einen sozial und die gesellschaftliche Bewertungsfähigkeit stärkend geprägt hat und man vielfach über Kompetenzen und Unabhängigkeit verfügt, die andere auf ihrem Lebensweg noch nicht haben ausbilden können. Gerade die realistische Einschätzung von Situationen, in denen die meisten Menschen, die zumindest sozialwissenschaftlich betrachtet werden, leben, ist ein großer Gewinn für die Wissenschaft und Universitäten und deshalb will ich nur jedem raten, sich dieser gesellschaftlichen Verantwortung auch bewusst zu sein.

Bewerbungstipps für Stipendien

Alle Stipendiaten-
interviews:

News

Zum anklicken

{feeditems::category}

Schließen

{category}

{title}

{description}

ältere News ...