Jens Wernicke, Rosa-Luxemburg-Stiftung
Welchen Studiengang / Welches Studienfach studierst Du an welcher Universität?
Ich studiere „Medienkultur“ an der Bauhaus-Universität Weimar, dabei handelt es sich um einen Zwitter aus Kultur- und Medienwissenschaften.
Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu bewerben?
Das weiß ich gar nicht mehr so recht. Ich habe damals, also zu Beginn meines Studiums, viel antirassistische Jugendbildungsarbeit nebenbei gemacht – und ich glaube, aus diesem sozialen Umfeld heraus wurde mir dann zugetragen: gegen Rassismus und Diskriminierung setzt sich vor allem die parteinahe Stiftung der LINKEN, damals noch PDS, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, ein – probiere es doch einmal dort mit einer Bewerbung um ein Stipendium.
Auf welche Weise wirst Du bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert?
Genau wie alle anderen StipendiatInnen auch: Je nach eigenem Einkommen sowie dem der Eltern erhält man ein Stipendium, das sich aus etwa dem BAföG-Satz plus 80 Euro Büchergeld zusammensetzt. Da ich vor meinem Studium zuerst eine Ausbildung gemacht und hiernach drei Jahre gearbeitet habe, erhielt ich – wie in den ersten Studiensemestern auch beim BAföG – die so genannte elternunabhängige Förderung, also den Höchstbetrag von monatlich 525 Euro plus Büchergeld. Auch ohne meine Ausbildung und das Abitur auf dem so genannten zweiten Bildungsweg wäre es hier aber zu dieser „Summe“ gekommen, denn meine Eltern haben schlicht kaum selbst etwas. Zusätzlich zur materiellen Förderung fördert die RLS aber natürlich auch ideell. Hier werden bspw. immer wieder Seminare zu verschiedenen Themen angeboten, an denen man als Stipendiat dann teilnehmen kann – und eben, das ist sozusagen das Bonbon, für welche man die Fahrtkosten erstattet bekommt. Zudem gibt es auch die Möglichkeit, Auslandsaufenthalte gefördert zu bekommen: Ich hatte Glück, mein Antrag ging durch – und schließlich habe ich zwei Semester in Helsinki studiert.
Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zuviel“ verdienen?
Ja – und die entsprechenden Regeln gelten bundeseinheitlich für alle Förderwerke. Prinzipiell orientiert sich der Stipendiensatz dabei an dem des BAföG. Im Unterschied zu diesem sind die elterlichen Einkommensgrenzen jedoch geringfügig freundlicher angesetzt, sodass es möglich ist, dass jemand, der oder die nur 300 Euro BAföG erhalten hat, weil seine oder ihre Eltern entsprechend verdienten, durchaus den Höchstsatz an Stipendium erhalten kann. Wer aber wirklich wohlhabende Eltern hat, erhält gar kein Stipendium, sondern „nur“ das Büchergeld – also monatlich 80 Euro geschenkt. Zudem ist das Stipendium im Gegensatz zum BAföG natürlich „geschenktes“ Geld. Es muss nichts zurückbezahlt werden. Das ist dann auch der große Vorteil eines Stipendiums: man startet schuldenfrei ins Berufsleben (oder, je nachdem, in die Arbeitslosigkeit) durch.
Stellt die Rosa-Luxemburg-Stiftungen auch bestimmte Erwartungen an Dich als Stipendiat?
Gute Frage. Generell erwartet man gesellschaftspolitisches Engagement im Sinne eines Einsatzes für soziale Gerechtigkeit. Was hierunter aber zu verstehen ist, obliegt eigentlich jedem und jeder selbst – nur eben: Einfach nur (vermeintlich) „brillant“ zu sein, in der Bibliothek zu sitzen und stets primär seine spätere „Karriere“ im Auge zu haben - das reicht eben nicht aus, um gefördert zu werden.
Welche Ziele verfolgt die Rosa-Luxemburg-Stiftung?
Sie versteht sich als ein Teil der geistigen Grundströmung des demokratischen Sozialismus. In diesem Sinne organisiert sie politische Bildung, verbreitet Kenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge in einer globalisierten, ungerechten und unfriedlichen Welt und ist ein Ort der kritischen Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft und also des Kapitalismus und seiner Auswüchse.
Zudem gibt sie Impulse für selbstbestimmte gesellschaftliche politische Aktivität und unterstützt das Engagement für Frieden und Völkerverständigung, für soziale Gerechtigkeit und ein solidarisches Miteinander.
Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung bewerben?
Ab dem zweiten Semester kann man gefördert werden – auch diese Regel gilt, bis auf wenige Ausnahmen, mehr oder minder für die StipendiatInnen aller Stiftungen. Darüber hinaus muss man, soweit ich weiß, aber das gilt dann auch vor allem für Diplom- und Magisterstudiengänge, noch mindestens vier Semester des Studiums vor sich haben. Das wird damit begründet, dass man – und auch das gilt für alle Stiftungen bzw. Förderwerke –, ja noch Zeit haben will, die Leute mit den Inhalten, für die man steht, vertraut zu machen und diesen nicht nur den Studienabschluss zu finanzieren. Irgendwie geht es hier also nicht nur um „Uneigennützigkeit“.
Wie verlief Dein Auswahlverfahren bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung?
Ich habe mich schriftlich beworben. Kurz danach wurde ich zu einem Gespräch mit einem Vertrauensdozenten eingeladen. Dieses verlief sehr gut. Wir sprachen über hochschulpolitische Entwicklungen, die Einführung von Bachelor und Master, dieses und jenes. Besagter „VD“, das heißt Vertrauensdozent, schrieb dann ein Gutachten – und wenig später hatte ich, da es ein sehr wohlwollendes Gutachten war, eine Stipendienzusage.
Was ich damals nicht mitbekommen hatte, nun aber weiß: Meine Bewerbung nebst dem Gutachten des VDs ging dann noch an den so genannten „Auswahlausschuss“ der Stiftung, dem ProfessorInnen wie auch Studierende angehören – und dieser hatte schließlich das letzte Wort und entschied, dass ich „förderungswürdig“ sei, was auch immer das meint.
Was sind Deiner Meinung nach Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung?
Das ist schwer zu sagen. Zu meinem großen Bedauern versteht sich, so erlebe ich es, auch die Luxemburg-Stiftung immer mehr als Elitenfördermaschine, weswegen sie auch zu wenig die staatlichen Vorgabe, zuerst auf Noten und also Leistung zu achten, und erst hiernach „andere Kriterien“ zu gewichten, hinterfragt.
Auf der gemeinsamen Seite aller Förderwerke heißt es hierzu lapidar:
„Für die Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft ist nicht allein die Beherrschung rein fachspezifischer Gegenstände maßgeblich, für die ein Zuwachs an Expertenwissen ausreicht. Eliten - dieser Plural ist in einer weltoffenen Gesellschaft unverzichtbar - lassen sich in einem demokratischen Gemeinwesen daher nicht als bloße Funktionseliten verstehen, sondern bedürfen der Rückbindung an Wertmaßstäbe. Verantwortungseliten müssen zusätzlich die Fähigkeit haben, sich mit Phänomenen wie wachsender Unsicherheit und Intransparenz auseinanderzusetzen und mit zunehmender Komplexität, Vernetzung und Dynamik umgehen können.“
Prinzipiell ist dann als solches „anderes Kriterium“ neben der Note insbesondere das soziale Engagement bei der Luxemburg-Stiftung gefragt, so dass man als guter Studierender oder gute Studierende mit viel Engagement, was überdies im Sinne der Ziele der Stiftung sein muss, sehr gute Chancen auf ein Stipendium hat.
Aus dieser Orientierung an primär Noten und erst sekundär Engagement ergibt sich, und hier habe ich die Luxemburg-Stiftung immer kritisiert, auch eine soziale Selektion, da es Kindern aus bildungsfernen, nichtakademischen Elternhäusern oft ungleich schwerer fällt, gute bis sehr gute Ergebnisse zu erzielen. Für gesellschaftspolitisches Engagement bleibt dann entweder gar keine Kapazität mehr oder es geht dieses eben zulasten der Noten, was wiederum die Chancen auf ein Stipendium auch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung senkt.
Was ich sagen will: Anstatt das Stipendium als expliziten Nachteilsausgleich insbesondere für diejenigen anzusehen, die eben nicht Einser oder Zweier in der Breite bringen können, weil Papa ihnen die Hausarbeiten nicht korrekturlesen wird etc., werden eben diese Noten in der Regel zum Stipendienerhalt vorausgesetzt. Warum das ein Problem ist, habe ich hier kurz skizziert: Artikel Stipendienkritik.
Die Böckler-Stiftung hat hier, soweit ich weiß, als einziges Förderwerk eine andere Gewichtung vorgenommen: Sie hat ein bemerkenswertes Programm („Aktion Bildung“) aufgelegt, in welchem vor allem eben die soziale Bedürftigkeit plus Engagement über die Stipendienvergabe entscheiden – etwas, wovon sich die Rosa-Luxemburg-Stiftung meiner Meinung nach ruhig einmal noch zwei bis vier Scheiben abschneiden sollte.
Welche Ratschläge würdest Du zukünftigen Bewerbern für die schriftliche Bewerbung und die Auswahlgespräche geben?
Das Wichtigste ist und bleibt: Einfach man selber sein und nicht soviel Angst haben; die Linken beißen nicht – sonst haben sie diesen Namen nicht verdient. Ansonsten, denke ich, mag es strategisch sinnvoll sein, gleich bei der Bewerbung selbstbewusst zu begründen, warum man kein Einser-Kandidat sein kann und/oder will. Wenn man also eher zur Drei als Note neigt, sollte man ausargumentieren, dass einem der Kampf gegen Studiengebühren etc. oder anderes Engagement eben wichtiger als gute Noten gewesen ist – dies aber einem zumindest guten Abschluss keinesfalls im Wege stehen werden.
Stimmt es, dass nur „Einserkandidaten“ Chancen auf ein Stipendium haben?
Nein. Wenn sie kein Engagement aufweisen, haben sie sogar gar keine Chance, da hilft die beste Note nicht mehr – zumindest bei der Rosa-Luxemburg. Andersherum ist es aber, wie gesagt, um Dreier- oder Viererkandidaten mit extrem gutem Engagement auch nicht besonders günstig bestellt, was jedoch nicht heißt, dass so jemand nie ein Stipendium erhalten hat oder wird.
Ich würde jedenfalls jedem, der sich mit den Zielen der Luxemburg-Stiftung in Einvernehmen befindet, empfehlen, sich zu bewerben – ganz gleich, ob der Notenschnitt eine Eins, Zwei, Drei oder Vier ergibt: den Versuch ist es allemal wert, und prinzipiell ist immer auch „Charakter“ gefragt. Soll heißen: Wer eben mit guten Gründen und selbstbewusst zu seinem potentiellen Dreierschnitt steht – nun, der oder die hat zumindest schon einmal die anderen StipendiatInnen im Auswahlausschuss auf seiner oder ihrer Seite, denn die bringen für fast jedes gute studentische Argument Verständnis auf, dazu haben wir sie auch in diesen Ausschuss gewählt.
Was bedeutet es, wenn „gesellschaftliches und politisches Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst Du Dich? Muss man Mitglied in der Partei Die Linke oder deren Jugendverband sein? Muss man überzeugter Sozialist sein?
Wäre eine Mitgliedschaft bei der LINKEN Voraussetzung gewesen, hätte ich mich nie beworben. Ich habe es nicht so mit Kollektivismus und/oder Dogmatismus – lieber arbeite ich projektorientiert und im offenen Team.
Und ansonsten: Was heißt schon „überzeugter Sozialist“? Ich habe zu Zeiten meiner Bewerbung gegen neofaschistische Tendenzen argumentiert, gearbeitet und demonstriert – und habe einen Gedichtband auf meiner „Publikationsliste“ vorzuweisen. Beides zusammen und mein Auftreten im Gespräch mit dem VD haben haben schließlich gereicht, dass ich ein Stipendium erhielt. Mit Sozialismus hatte ich damals eher wenig am Hut – sehr wohl aber war mir bewusst, dass einiges in diesem Lande nicht wirklich gut läuft.
Alles in allem also: Das große Wort Sozialismus steht vor allem für die Grundwerte Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Wer diese nicht sein eigen nennt, nun: Ich finde, dessen Problem ist nur nachrangig, dass er oder sie kein „bekennender Sozialist“ oder keine „bekennende Sozialistin“ ist.
Haben wir noch eine wichtige Frage vergessen? Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?
Ja. Zum einen empfehle ich das Buch „Uni-Angst und Uni-Bluff“ in seiner 1977er Ausgabe; das hilft dabei, sich im anonymen Unibetrieb nicht ständig wie der letzte Verlierer zu fühlen– denn der ist man gar nicht!
Darüber hinaus möchte ich generell noch anmerken: Wenn sich stets und ständig, wie dies wohl gewünscht zu sein scheint, jeder und jede einzig „noch mehr anstrengt“ und um Leistung bemüht, um gute Noten etc. zu erhalten, entspricht dies letztlich Bild einer Gesellschaft als Esel, dem man immer und immer wieder die unerreichbare Möhre vor die Nase hält, um ihn zu noch mehr Leistung anzutreiben. Tatsächlich aber ist Fleiß allein zwar womöglich gut und wichtig, läuft ohne Engagement und Einstehen für Soziales und eine bessere Welt, aber immer wieder im Kreis weil eben auf die gleiche neue alte Gesellschaft hinaus, die eben hierarchisch organisiert ist und bleibt. – Hätten also alle studiert und/oder eine Eins, was nach den Regeln der Notenvergabe gar nicht möglich ist: Nach wie vor gäbe es Arm und Reich, stellt diese Gesellschaft doch per se nur wenige sozial hohe Positionen bereit. Leistung und „Fleiß“ helfen den Armen also wenig bei der Überwindung ihres existentiellen Problems.
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