Dilek Yalman, Horizonte-Stipendiatin

Logo des Horizonte-Lehramtsstipendiums für Migranten Foto von Dilek Yalman

Welchen Studiengang / Welches Studienfach studierst Du an welcher Universität?

Ich studiere im 2. Mastersemester Mathematik und Chemie auf das Lehramt der Sekundarstufe II an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich bei Horizonte zu bewerben?

Das war Zufall. Ich wollte zu meinem Professor in die Sprechstunde und da sah ich den Flyer zu dem Horizonte-Programm. Ich habe mich sofort beworben und innerhalb von kürzester Zeit meine Bewerbungsmappe fertig gemacht. Das war im Wintersemester 2008/2009. Beim ersten Mal hat es leider nicht geklappt und ich wurde abgelehnt. Ein Jahr später bekam ich eine Info-Mail von der Hertie-Stiftung, dass das Stipendium erneut ausgeschrieben worden ist und ich mich ein zweites Mal bewerben könnte. Ich habe mich ein zweites Mal beworben und es hat geklappt.

Auf welche Weise wirst Du bei Horizonte gefördert?

Ich werde im Horizonte-Programm sowohl finanziell als auch ideell gefördert.

Die ideelle Förderung richtet sich an alle Stipendiaten gleichermaßen. Sie besteht zum einen aus verpflichtenden Seminaren, die wichtige und vielseitig verwertbare Kenntnisse in unterschiedlichen Bereichen vermitteln, u.a. Konflikt- und Projektmanagement. Zum anderen habe ich im Rahmen der ideellen Förderung die Möglichkeit, zusätzlich zu meinem Studium eigene Entwicklungsschwerpunkte festzulegen. Dies bekomme ich auch von der Hertie-Stiftung finanziert. Ich werde mich im Bereich Elternarbeit und Gewaltprävention in der Schule spezialisieren.

Jetzt zu der finanziellen Förderung: Ich als Studienstipendiaten erhalte 650,- € pro Monat und zusätzlich 150,- € Büchergeld pro Semester. Die Referendare erhalten ein Bildungsstipendium in Höhe von 1.000,- € pro Jahr.

Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zuviel“ verdienen?

Die Höhe des Einkommens ist unabhängig vom Elterneinkommen und dementsprechend auch von den Bafög-Richtlinien. Alle Studienstipendiaten erhalten 650,- Euro im Monat.

Stellt Horizonte auch bestimmte Erwartungen an Dich als Stipendiatin?

Um sich für das Stipendium bewerben zu können, muss man in erster Hinsicht einen Migrationshintergrund haben. Bewerber ohne Migrationshintergrund werden nicht berücksichtigt. Die Hertie-Stiftung erwartet von mir, dass ich engagiert am Horizonte-Fortbildungsprogramm teilnehme und das praktische Wissen, was ich da erwerbe auch später in der Schule einbringe. Außerdem ist für alle Horizonte-Stipendiaten die Teilnahme an der jährlich stattfindenden Sommer-/ Herbstakademie (5 Tage) verbindlich, auf der sie - gemeinsam mit Lehramtskandidaten anderer Stiftungen - ein abwechslungsreiches Programm aus Vorträgen, Workshops und Diskussionen rund um das Thema Bildung erwartet. Es werden auch Zusatzangebote (Fortbildungsangebote von Kooperationspartnern der Stiftung) für uns Stipendiaten ausgeschrieben. Die Teilnahme bzw. die Bewerbung ist freiwillig, die Stiftung legt jedoch Wert darauf, dass wir hieran Interesse zeigen.

Welche Ziele verfolgt Horizonte?

Derzeit haben rund ein Drittel der Schüler, aber nur ein Prozent der Lehrkräfte in Deutschlands Schulen einen Migrationshintergrund. Mit der Einrichtung des Stipendienprogramms für Lehramtsstudierende und künftige Lehrkräfte mit Migrationshintergrund möchte das Horizonte-Programm die gesellschaftliche Realität verstärkt auch in den Lehrerzimmern abbilden und Vorbilder schaffen. Durch finanzielle und ideelle Unterstützung fördert die Stiftung deshalb künftige Lehrkräfte mit Migrationshintergrund in ihrer Ausbildung und will begabte und engagierte Abiturienten mit Migrationshintergrund gezielt für den Lehrberuf gewinnen.

Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich bei Horizonte bewerben?

Das Horizonte-Programm richtet sich an Studienanfänger und Studierende im Lehramtsstudium sowie Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst mit Migrationshintergrund. Es ist offen für Bewerber aller Lehrämter, Fächer und Ausbildungsstufen, die zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung noch mindestens zwei Jahre Ausbildungszeit (Studium und/oder Vorbereitungsdienst) vor sich haben.

Es können sich auch Abiturienten bewerben, die ein Lehramtsstudium anstreben: ‚Sie werden gebeten, in ihrer Bewerbung auf diesen Sachverhalt hinzuweisen und zunächst einen Nachweis über die Studienplatzbewerbung beizulegen. Die Immatrikulationsbescheinigung muss in diesem Falle nachgereicht werden.’

Wie verlief Dein Auswahlverfahren bei Horizonte?

Die Bewerberauswahl erfolgt über ein zweistufiges Verfahren: Die erste Auswahl findet auf Grundlage der Bewerbungsunterlagen statt. Die zweite wird im Rahmen eines zweitägigen Auswahlverfahrens getroffen, welches sich aus drei Komponenten zusammensetzt: Einer Gruppendiskussion, zwei Einzelgesprächen sowie einem 50-minütigen Aufsatz. An der Auswahlkommission für das zweitägige Auswahlverfahren sind neben je einem Vertreter der Projektpartner Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Schulformen beteiligt.

Wir waren 15 Teilnehmer, die es in die zweite Auswahlrunde geschafft hatten. Die 15 wurden in drei Gruppen a fünf Teilnehmer aufgeteilt. Am ersten Auswahltag fanden die Gruppendiskussion und der 50-minütige Aufsatz, der nicht länger als eineinhalb Seiten sein durfte, statt. Der Aufsatz war natürlich eine Herausforderung. Man durfte definitiv nicht mehr schreiben. Meine Gruppendiskussion verlief sehr angenehm. Wir schafften es in der Gruppe aufeinander Rücksicht zu nehmen und alle zu Wort kommen zu lassen. Dadurch war auch die „Diskussionsatmosphäre“ nicht so getrübt vom Konkurrenzkampf zwischen den angehenden Stipendiaten. Wir arbeiteten nicht gegeneinander, sondern miteinander. Am zweiten Auswahltag hatten wir zwei Einzelgespräche zu führen. Ich wurde allgemein zu meiner Motivation für den Lehrerberuf und zu der Bildungspolitik in Deutschland befragt.

Wie schon oben erwähnt, hat es bei mir erst bei der zweiten Bewerbung geklappt. Natürlich war das eine „bittere Niederlage“ für mich. Doch, wie heißt das so schön, man sollte sich nie entmutigen lassen und immer schön „weiterkämpfen“ und seine Ziele und Ideale nie aus den Augen verlieren.

Was sind Deiner Meinung nach Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung?

Das A und O für eine erfolgreiche Bewerbung ist, dass man sich so gibt, wie man ist. Einfach mit offenen Karten spielen und vor allem beim Motivationsschreiben das zu Wort bringen, was einen wirklich dazu motiviert Lehrer zu werden. Denn das Motivationsschreiben ermöglicht der Stiftung einen Eindruck von dir und deinem Streben Lehrer zu werden, zu gewinnen.

Welche Ratschläge würdest Du zukünftigen Bewerbern für die schriftliche Bewerbung und die Auswahlgespräche geben?

Liebe zukünftige Bewerber, liebe Arbeiterkinder, ihr braucht keine Angst zu haben, euch für ein Stipendium zu bewerben, mit der Begründung die Stiftung würde euch nicht nehmen und dementsprechend eine „Niederlage“ zu erlangen. Auch wenn das nicht klappen sollte, so verliert ihr dadurch nichts, sondern gewinnt an Erfahrungen.

Bei der schriftlichen Bewerbung solltet ihr alles, was ihr bis jetzt gemacht habt- vor allem pädagogische Tätigkeiten- auflisten. Denn die Stiftung legt einen Wert darauf, dass man pädagogische Erfahrungen schon gesammelt hat. Das heißt nicht, dass man jetzt seit Monaten als Vertretungslehrer arbeitet, sondern auch Nachhilfestunden zählen dazu.

Bei dem zweitägigen Auswahlverfahren sollte man bei der Gruppendiskussion darauf achten, Rücksicht auf seine Gruppenteilnehmer zu nehmen und sie aussprechen zu lassen. Auch, wenn ein Konkurrenzkampf zwischen den Bewerbern herrscht und das Stipendium heiß begehrt ist, heißt das nicht, dass man sich durch seine unmenschliche Art durchkämpft. Denn sie wollen auch - so wie ihr - das Stipendium und ihr teilt in den zwei Tagen dasselbe Schicksal.

Bitte versucht bei den zwei Einzelgesprächen keine Rolle zu spielen, sondern seid ihr selbst. Denn dadurch punktet ihr mehr, als mit einem inszenierten Schauspiel. Es zählt das Komplettpaket für eine erfolgreiche Bewerbung: Eure Bewerbungsmappe ist der erste Schritt, um in das zweite Auswahlverfahren eingeladen zu werden. Eure Persönlichkeit und eure Stärken der zweite, um das Stipendium zu erlangen.

Stimmt es, dass nur „Einserkandidaten“ Chancen auf ein Stipendium haben?

Nein, das ist ganz und gar nicht der Fall. Leider haben viele Studierende das Gefühl, dass das so ist und bewerben sich dementsprechend nicht. Man kann sich auch mit einem „Zweierdurchschnitt“ für dieses Stipendium bewerben. Wenn man nicht mit einem „Einserdurchschnitt“ punkten kann, so hat man bestimmt auch andere Fähigkeiten, die für den Bewerber sprechen, z.B. sein soziales Engagement.

Im Großen und Ganzen zählen für die Auswahlentscheidung nicht nur die Noten und die Bewerbungsmappe, sondern das Gesamtbild des Bewerbers.

Erwartet Horizonte „gesellschaftliches und politisches Engagement“ und wenn ja, was bedeutet dies? Wie engagierst Du Dich?

Für Horizonte ist das gesellschaftliche Engagement sehr wichtig, Es ist auch einer der Kriterien, die für eine erfolgreiche Bewerbung sprechen. Man muss nicht unbedingt z.B. ehrenamtlich in einem Verein tätig sein. Für die Hertie-Stiftung zählen auch Nachhilfestunden, die man z.B. ohne Entgelt dem Nachbarskind gibt, dazu.

Ich arbeite seit Dezember 2005 ehrenamtlich im Stadtteilladen Schöneberg e.V. Meine ehrenamtliche Tätigkeit in der Hausaufgabenbetreuung und Jugendarbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bildet die Basis meiner Motivation für den Lehrerberuf. Die Arbeit mit Grundschülern und Schülern unterschiedlicher Schulformen unterstützt die Entwicklung meiner eigenen Kompetenzen und macht mir wirklich Spaß.

Für meine „Kinder“ bin ich die „Abla“- übersetzt große Schwester. Bei Problemen zu Hause, in der Schule oder im Freundeskreis bin ich eine Vertrauensperson und stehe „meinen Kindern“, die selbst alle wie ich aus Arbeiterfamilien kommen, jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite.

Außerdem versuche ich mich auch politisch zu engagieren. Ich bin Mitglied in einer Partei.

Haben wir noch eine wichtige Frage vergessen? Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich komme aus einer typischen Gastarbeiterfamilie, wo keiner in meiner Verwandtschaft studiert hat. Ich habe das geschafft und ich weiß, ihr schafft das auch. Ihr müsst nur an euch glauben und euch Ziele im Leben setzen. Wenn man Ziele im Leben hat, dann versucht man die Schritt für Schritt zu verwirklichen. Natürlich hat man da Höhen und Tiefen und denkt, das schaffe ich nicht. Aber die gehören dazu und die machen einen stärker.

Ich möchte schon seit dem 5. Lebensjahr Lehrerin werden und bin mit sechs Jahren nach Deutschland gekommen, Es war nicht einfach die Sprache zu lernen und sich in das deutsche Schulsystem zu integrieren. Ich habe das durch die Unterstützung meiner Eltern geschafft, auch wenn sie mir bei den Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen nicht wirklich behilflich sein konnten. Aber sie glaubten an mich und an meinen Wunsch, eine Lehrerin zu werden.

Liebe Arbeiterkinder, glaubt an euch und an eure Stärken! Ihr seid nicht alleine!

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