Ramona Menke, Evangelisches Studienwerk Villigst
Welchen Studiengang / Welches Studienfach studierst Du an welcher Universität?
Ich studiere Soziologie und Religionswissenschaft im 2-Fächer-Bachelor an der Universität Göttingen.
Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich beim Evangelischen Studienwerk zu bewerben?
Eine Arbeitskollegin hat mir von der Möglichkeit, sich um ein Stipendium zu bewerben erzählt, als wir uns darüber unterhielten, dass es für mich sehr schwer werden würde, mir mein Studium zu finanzieren.
Beim Evangelischen Studienwerk habe ich mich dann beworben, weil ich mir vorgestellt habe, dort nicht so sehr die Klischees von elitärem Gehabe unter den Geförderten bestätigt zu finden, wie jene, von denen ich gehört hatte, da im Leitbild von „Widerspruchstoleranz“ und „Demokratie“ die Rede ist.
Auf welche Weise wirst Du beim Evangelischen Studienwerk gefördert?
Ich erhalte vom Ev. Studienwerk die Grundförderung.
Die finanzielle Förderung wird nach den gleichen Kriterien wie das Bafög berechnet. Es muss allerdings im Gegensatz zum Bafög nicht nach Ende des Studiums zurückgezahlt werden. Zusätzlich gibt es ein monatliches Büchergeld und es kann eine (Teil-)Finanzierung beispielsweise eines Semesters, Praktikums oder Sprachkurses im Ausland beantragt werden, wenn es für das jeweilige Studienfach sinnvoll ist. Neben der finanziellen Unterstützung gibt es ein breites, oft auch von StipendiatInnen organisiertes Angebot an Beratungen, Möglichkeiten sich über das eigene Studienfach hinaus zu bilden und interdisziplinäre Diskussionen zu führen, die sehr anregend und daher sowohl für das Studium hilfreich sein können als auch die Persönlichkeitsentwicklung fördern, sowie zum individuellen politischen Meinungsbildungsprozess beitragen können.
Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zuviel“ verdienen?
Das finanzielle Förderung wird ebenso wie das Bafög in Abhängigkeit vom Einkommen der Eltern berechnet.
Jede StipendiatIn darf eine bestimmte Summe zum Stipendium selbst dazuzuverdienen wenn die Förderung und die Unterstützung der Eltern nicht ausreichen, ohne das dies Auswirkungen auf die Höhe der finanziellen Förderung hat. Für besondere „Notfälle“ gibt es die Möglichkeit kleine Kredite oder Zuschüsse zu beantragen. Solch ein „Notfall“ kann z.B. sein, dass einE MusikstudentIn dringend ein neues Instrument braucht und dieses aber nicht sofort und auf einen Schlag selbst bezahlen kann.
Stellt das Evangelische Studienwerk auch bestimmte Erwartungen an Dich als Stipendiatin?
JedeR StipendiatIn muss an einer fünftägigen Einführung in Villigst (meistens vor dem Beginn des ersten Fördersemester) teilnehmen und im Verlaufe des Studiums regelmäßig Berichte für den oder die persönliche Studienleiter/- in verfassen.
Mit dem Förderungsvertrag geht die jeweiligeR StipendiatIn zudem die Verpflichtung ein, sich um eine bestimmte Anzahl von sog. Förderhaken zu bemühen, d.h. im Verlauf der Förderungszeit Aufgaben zu übernehmen, wie z.B. über das Studienwerk bei einer Veranstaltung zu informieren oder während einer Tagung in Villigst die Kinder der Teilnehmenden zu betreuen. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, Förderhaken zu erhalten. Die StipendiatInnen können frei wählen, wann und wie sie sich einbringen.
Welche Ziele verfolgt das Evangelische Studienwerk?
Auf der Homepage des Studienwerks steht dazu:
Bei allem Wandel fühlt sich das Werk seinen Anfängen verpflichtet: Gegründet wurde es 1948, um nach der nationalsozialistischen Diktatur eine andere geistige Bildung zu ermöglichen. Sie sollte sich auf Widerspruchstoleranz, soziale Verantwortung, Demokratie und die Würde des Menschen beziehen. Diese Maßstäbe werden auch in der Zukunft mit ihren Herausforderungen von größter Bedeutung bleiben. Daran mitzuwirken, ist ein bleibendes Anliegen bei der Begleitung junger Menschen auf ihrem Weg, die Welt von morgen verantwortlich mitzugestalten.
Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich beim Evangelischen Studienwerk bewerben?
Zwei Mal im Jahr werden neue Stipendiatinnen und Stipendiaten aufgenommen. Zu den jeweiligen Fristen kann sich jede und jeder auf eigene Initiative bewerben, die/der studiert oder weiß, welches Fach sie/er ab dem folgenden Semester studieren möchte – egal, ob AbiturientIn, Zivi, FSJ- oder FÖJlerIn, AuszubildendeR mit Hochschulzugangsberechtigung, bereits StudierendeR, PromovierendeR etc. Wichtig ist, dass man bei der Bewerbung das 5. Hochschulsemester bzw. das 4. Fachhochschulsemester nicht überschritten hat.
Wie verlief Dein Auswahlverfahren beim Evangelischen Studienwerk?
Von der Bewerbung bis zur Aufnahme dauert das Verfahren etwa fünf Monate. Zunächst reichte ich bis zur Frist Ende Februar 2006 meine Bewerbung ein. Im Juni wurde ich zum Vorauswahlgespräch eingeladen, dass etwa 30 Minuten dauerte und im nächstgelegenen Hochschulort geführt wurde.
Einige Wochen nach dem Vorauswahlgespräch folgt dann ggf. die Einladung zur Hauptauswahl, die über zwei Tage in Villigst stattfindet. Auf der Hauptauswahl wird am ersten Tag zwei Mal in Gruppen von etwa zehn Bewerberinnen und Bewerbern diskutiert. Vor einer dieser Gesprächsrunden muss jedeR ein dreiminütiges Statement zu einem Kurzfilm halten, den alle gemeinsam zuvor anschauen. Am zweiten Tag gibt es ein halbstündiges Einzelgespräch mit drei Auswählenden.
Das klingt ziemlich anstrengend und das ist es auch, denn vor allem das Gefühl sich in gewisser Weise verkaufen zu müssen und das Widerstreben dagegen zehrt an der Kondition. Die Atmosphäre in Haus Villigst ist zwar alles andere als streng, sondern eher freundschaftlich und gemütlich. Das einzige, was streng ist, während der Hauptauswahl, ist die Trennung zwischen den BewerberInnen und den auswählenden Personen, damit alle zwischen den Diskussionen ungehemmt ausspannen können und keine Befürchtungen darüber entwickeln müssen, die Auswählenden würden beim Abendessen darauf achten, wer Messer und Gabel richtig halten kann und wer lieber Wein statt Bier vor dem Schlafen gehen trinkt. Darauf kommt es nämlich nicht an! Und dennoch bleibt es eine fragwürdige Situation: Sich darzustellen, konkurrieren, bewerten zu lassen, allen gönnen, was man nur haben kann, wenn es jemanden anderen vorenthalten wird.
Bis Ende August etwa kommt der Brief mit den erlösenden Worten, die zur Einführungswoche für neu aufgenommenen Stipendiatinnen und Stipendiaten einladen.
Was sind Deiner Meinung nach Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung? Welche Ratschläge würdest Du zukünftigen Bewerbern für die schriftliche Bewerbung und die Auswahlgespräche geben?
Voraussetzung für eine Aufnahme bei Villigst scheint mir nicht zu sein, sich gekonnt hinter einen schönen Maskerade zu verbergen oder etwas darstellen zu wollen, was man gern wäre, sondern die Bereitschaft den auswählenden Personen in der kurzen Zeit der Gespräche und durch die schriftliche Bewerbung einen ehrlichen Eindruck davon geben zu wollen, wer man ist. Viel wichtiger als der Versuch vermeintliche Erwartungen erfüllen zu wollen, ist sich selbst darüber klar zu sein, wie und wofür man argumentiert und wonach man strebt.
Stimmt es, dass nur „Einserkandidaten“ Chancen auf ein Stipendium haben?
Mit einer Eins oder Zwei vor dem Komma im Abidurchschnitt ist es vielleicht leichter durch die erste Auswahlrunde zu kommen, aber im weiteren Verlauf des Auswahlverfahrens spielen weniger die Noten eine Rolle, als das, für was eine Person einsteht und was sie ausmacht. Die auswählenden Personen haben ein Interesse daran Menschen kennen zulernen und nicht Zeugnisse zu lesen. Sie wollen junge Menschen mit Visionen fördern und nicht diejenigen, die in der Schule am erfolgreichsten auswendig lernen konnten. Schulnoten sagen schließlich nicht viel über die Persönlichkeit, die Grundsätze, Argumente und soziale Kompetenz eines Menschen aus.
Was bedeutet es, wenn „gesellschaftliches und politisches Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst Du Dich? Muss man evangelisch sein? Muss man in der Kirchengemeinde aktiv sein?
„Engagement“ heißt hier in erster Linie wohl, dass einem die Gesellschaft, also die Menschen mit denen man zusammenlebt nicht egal sind und man sich als Teil der Gesellschaft wahrnimmt, das aktiv etwas zur Gestaltung der Welt beitragen kann und will.
Ich selbst habe nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Hospiz gemacht und arbeite, seit ich 18 bin, in einer politischen Jugendorganisation mit.
Die Förderung durch Villigst ermöglicht es mir, statt für meinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen, neben dem Studium politisch aktiv zu sein.
Meiner Ansicht nach, müssen die derzeit bestehenden Strukturen im Bildungs- und Sozialsicherungssystem geändert werden.
Um an der Veränderung dieser Strukturen mitzuwirken und Stück für Stück die Visionen von einer idealen Gesellschaftsform zu verwirklichen, bin ich politisch aktiv.
Ich sehe in einer „Elitenförderung“, die zunehmend propagiert wird, keinen Mehrwert für unsere Gesellschaft. Um diese aber scheint es mir zu gehen, wenn nur noch die Menschen aufgefangen werden, die einen sozialdarwinistischen Spießrutenlauf durchs Bildungssystem überstanden haben.
Die Lösung kann eben nicht eine Struktur der Begabten-/Elitenförderung am „obersten Ende“ des Bildungssystems sein, sondern muss viel früher ansetzen. Neue Strukturen müssen die Menschen fördern, die jetzt noch im Bildungssystem durchfallen: Das sind wohl häufig Kinder von Eltern, die im Niedriglohnsektor beschäftigt sind - diejenigen, die also vielleicht die Rolle der „klassischen Arbeiterschaft“ einnehmen– und damit betrifft es zunehmend auch Kinder, deren Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland geboren sind.
Ich bin zwar evangelisch getauft und viele Stipendiatinnen und Stipendiaten sind aktiv im Rahmen kirchlicher Organisation, aber zwingende Voraussetzung ist es nicht für eine Aufnahme bei Villigst
Haben wir noch eine wichtige Frage vergessen? Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?
Ich möchte mit Nachruck darauf hinweisen, dass ich mich nicht als Beleg dafür verstehe, dass es im gegenwärtigen Bildungssystem für Kinder aus nicht-AkademikerInnenhaushalten möglich ist, sich bis zu einer universitären Ausbildung hinaufzuquälen, sondern viel mehr als Hinweis darauf, dass mit gerechter Förderung auch „Arbeiterkinder das Zeug zu AkademikerInnen haben“. Ich hatte Glück, dass ich während meiner Schulzeit von verschiedenen Seiten Unterstützung erfahren habe.
Ich bin skeptisch, ob es eine Lösung sein kann, die Möglichkeiten durch ein sog. Begabtenförderungswerk ein Stipendium zu erhalten, bekannter zu machen, wenn Kinder aus nicht-AkademikerInnenhaushalten eine faire Chance auf ein Studium oder eine andere qualitativ hochwertige, angemessene Ausbildung eingeräumt werden soll.
Derzeit erhalten nur etwa zwei Prozent aller Studierenden von einem sog. Begabtenförderungswerk eine (finanzielle) Unterstützung!
Wie geht es den anderen, der Masse der Studierenden? Aufgrund von Studiengebühren (die de facto nicht sozialverträglich sind!), und einem bevormundenden und an die Forderungen der Wirtschaft angepassten System der BA- und MA-Studiengängen etc. häufen sich Schulden an, mit denen junge Menschen in einen verabsolutierten Kampf um Arbeitsplätze und Karriere entlassen werden und das freiheitliche Denken in der Wissenschaft, sowie die Entfaltung individueller Interessen und Fähigkeiten bleiben auf der Strecke.
Beachtet muss doch außerdem werden, dass diejenigen, die es bis zu einem Abschluss der Allgemeinen Hochschulreife geschafft haben, zu einem großen Prozentsatz aus einem finanziell besser gestellten Elternhaus kommen. Die auf der Sozialstruktur aufbauenden Selektionsmechanismen greifen schon effektiv in den (nicht ausreichend vorhandenen) Kindertagesstätten, den Grundschulen und dem dreigliedrigem Schulsystem.
Daran wird auch ein höherer Bekanntheitsgrad der sog. Begabtenförderungswerke nichts ändern!
Bei einem Stipendium handelt es sich um ein Privileg, das kein solches sein sollte!
Wer dennoch eine Förderung erhält, sollte, meiner Meinung nach, alle frei zur Verfügung stehende Zeit und Energie nutzen, um sich für eine angemessene Ressourcenverteilung (egal, ob es um Bildung, kulturelle oder politische Partizipation, Arbeitplätze, Natur und Rohstoffe etc. geht) in der direkten Nachbarschaft und für überregionale Solidarität einzusetzen.
Niemand lebt auf einer Eliteninsel, die von benachteiligten und ausgebeuteten Massen getragen werden sollte. Wir leben alle in einer Welt! - Gemeinsam und mit einem universalen Anspruch auf Würde!
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