Mecbure Oba, Heinrich-Böll-Stiftung
Welchen Studiengang / Welches Studienfach studierst Du an welcher Universität?
Ich studiere Diplom-Soziologie mit den Wahlpflichtfächern Politik, Sozialpsychologie und Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich bei der Heinrich-Böll-Stiftung zu bewerben?
Ich habe nach Alternativen zu BAföG gesucht und wusste eigentlich schon als Abiturientin, dass es politische Stiftungen gibt, die Stipendien vergeben. Trotzdem habe ich erst BAföG bezogen und mich relativ spät für ein Stipendium beworben. Warum ich mir dann die Böll-Stiftung ausgesucht habe, liegt daran, dass ich mich mit der politischen Zielsetzung identifizieren kann. Bei der Konrad Adenauer-Stiftung, die der CDU nahe steht, hätte ich mich beispielsweise aus politischen Gründen nicht beworben. Ich habe da Grenzen und will nicht von irgendeiner Institution gefördert werden, sondern von einer mit der ich guten Gewissens zusammenarbeiten kann.
Auf welche Weise wirst Du bei der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert?
Ich werde sowohl materiell, d.h. finanziell, jedoch auch ideell gefördert. Weil meine Eltern ehemalige Flüchtlinge sind und auch heute noch kein eigenes Einkommen haben, bekomme ich den Höchstsatz plus 80€ Büchergeld. Ideell gesehen habe ich bis jetzt viele tolle Workshops besucht, z.B. „Digitale Videotechnik in der politischen Arbeit“, oder „Critical Whiteness“ auf dem Campus, der jedes Jahr im Sommer stattfindet. Worauf ich mich gerade besonders freue ist die baldige Studienreise nach Istanbul. Die Reisekosten werden übrigens auch meistens von der Stiftung übernommen, so dass der Besuch von Workshops in einer anderen Stadt nicht an fehlendem Geld für die Reise scheitern soll.
Ist die Höhe des Stipendiums abhängig vom Einkommen Deiner Eltern? Was ist, wenn die Eltern „zuviel“ verdienen?
Ja, das Stipendium für Studierende aus dem Inland orientiert sich daran wie viel BAföG Dir zustehen würde. In Fällen wo Eltern so viel verdienen, dass BAföG nicht in Frage kommt, bekommen diese aber – vorausgesetzt sie bekommen ein Stipendium - in jedem Fall noch 80€ Büchergeld (zumindest von der Böll-Stiftung). Büchergeld bekommen alle Stipendiatinnen und Stipendiaten unabhängig vom Einkommen der Eltern. Und natürlich darf die ideelle Förderung nicht vergessen werde. Also selbst, wenn die Eltern viel verdienen, „lohnt“ sich eine Bewerbung, weil es ein unglaublich großes Angebot an Workshops, AGs, internationaler Zusammenarbeit, Studienreisen, neuen Kontakten etc. gibt.
Stellt die Heinrich-Böll-Stiftung auch bestimmte Erwartungen an Dich als Stipendiat?
Als Stipendiatin oder Stipendiat wird nichts von Dir verlangt. Die Stiftung erwartet zwar Mitarbeit von ihren StipendiatInnen allerdings auf der Basis von Freiwilligkeit und dass den StipendiatInnen selbst daran gelegen sein sollte. Ich habe beispielsweise in der Auswahlkommission mitgearbeitet, weil ich mitentscheiden wollte wer als nächstes ein Stipendium bekommt. Partizipation an demokratischen Entscheidungsprozessen und Verantwortung übernehmen sind da wichtige Schlagwörter. Eine passive und allein konsumorientierte Haltung ist tendenziell nicht erwünscht. Gefördert werden vor allem politische Menschen, denen es nicht egal ist was um sie herum passiert, sondern die einen kritischen Blick auf die Gesellschaft werfen. Es gibt jede Menge Möglichkeiten sich innerhalb der Stiftung einzubringen. Auch organisieren sich die StipendiatInnen selbst: was an der Uni der Asta ist, ist bei der Böll-Stiftung der „Stira“, der StipendiatInnen-Rat. Es gibt außerdem diverse Arbeitsgemeinschaften mit thematischen Schwerpunkten: AG Migration, AG Internationale Zusammenarbeit, AG Feminismus und Gender, AG Medien, AG Politische Ökologie, AG Wirtschaftspolitik, AG Wilder Osten, AG Partizipatorische Demokratie und AG Erinnerungskulturen. Damit habe ich, glaube ich, alle AGs genannt. Du musst als StipendiatIn natürlich nicht überall präsent sein, aber an der einen oder anderen Stelle mitmachen, wäre nicht schlecht.
Welche Ziele verfolgt die Heinrich-Böll-Stiftung?
Die Heinrich-Böll-Stiftung orientiert sich grundsätzlich an den Werten Gewaltfreiheit, Demokratie und Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Frieden und Ökologie. Allgemein kann globale Gerechtigkeit mit all ihren Aspekten genannt werden. Es geht darum, ein respektvolles, tolerantes, nachhaltiges Verhalten und Handeln der Menschen zu fördern und Herrschaftsverhältnissen wie Rassismus, Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe und sozialer Herkunft entgegenzuwirken. Daneben ist ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt und den vorhandenen Rohstoffen notwenig. Zum Leben brauchen wir nun mal auch Sauerstoff, sauberes Wasser und Grünflächen.
Ab welchem Schuljahr/Semester kann man sich bei der Heinrich-Böll-Stiftung bewerben?
Seit neuestem schon ab dem 2. Semester. Vor einigen Jahren war die Zwischenprüfung erforderlich, wenn ich mich nicht irre. Für SchülerInnen mit Migrationshintergrund, die von der Hertie-Stiftung gefördert werden, gibt es eine Ausnahme: Diese können sich bereits mit Abitur bewerben, also ohne an einer Uni immatrikuliert zu sein. Die Förderung beginnt jedoch mit Aufnahme des Studiums.
Wie verlief Dein Auswahlverfahren bei der Heinrich-Böll-Stiftung?
Zu meiner Zeit stand am Anfang die „Kurzbewerbung“, die es mittlerweile gar nicht mehr gibt. Wenn Du mit dieser erfolgreich warst, wurdest Du zur „Langbewerbung“ aufgefordert. In meinem Fall war das so, also war ich einen Schritt weiter. Erste Freude. Danach wurde ich zu einem Gespräch mit einem Vertrauensdozenten der Böll-Stiftung eingeladen. Dieser hat ein weiteres Gutachten erstellt, das ich als Bewerberin nie zu Gesicht bekommen habe. Ich habe auch die zweite Runde erfolgreich absolviert und kam schließlich in die letzte Runde, in den Auswahlworkshop. Diese beiden Tage Auswahlworkshop waren ziemlich anstrengend. Vor allem die Situation wo ich der aus drei Mitgliedern bestehenden Kommission (manchmal sind es vier) gegenüber saß und mich praktisch „ins Zeug“ legen musste für das Stipendium. Ich wollte weder um ein Stipendium betteln noch als von mir überzeugt rüberkommen. Die Situation war für mich sehr unangenehm. Ich musste da aber irgendwie durch. Es wurden Fragen in Bezug auf alle drei Kriterien gestellt, also Leistungen in der Uni und Studium, dann das gesellschaftspolitische Engagement und auch zu der sozialen Herkunft/Familie. Insgesamt hat das komplette Verfahren ca. ein halbes Jahr gedauert.
Was sind Deiner Meinung nach Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung?
Intelligente Persönlichkeiten haben gute Chancen. Unabhängiges Denken, Kritisches Denken und die Verteidigung einer demokratischen Diskussionskultur sind schon mal gute Voraussetzungen. Man sollte als Bewerberin oder Bewerber Vorstellungen davon haben wie eine vernünftige Gesellschaftsordnung in der Umsetzung aussehen kann. Man sollte zuhören können, ausreden lassen können, mitdiskutieren können, sich auf Kritik einlassen können, ohne laut und gewalttätig zu werden, etc. Das sind einige soziale Kompetenzen, die wichtig sind im Miteinander. Ich selbst lege nicht so viel Wert auf „sehr gute“ Leistungen in der Uni. Gute Leistungen sind auch ok, wie ich persönlich finde.
Welche Ratschläge würdest Du zukünftigen Bewerbern für die schriftliche Bewerbung und die Auswahlgespräche geben?
Ich selbst habe meine Kompetenzen zu Beginn der Bewerbung unterschätzt und hatte Angst davor, abgelehnt zu werden. Auch im Auswahlgespräch bin ich mit keinem guten Gefühl raus gegangen. Was ich sagen will ist: Manchmal liegt man mit der eigenen Selbsteinschätzung falsch und sollte sich nicht selbst schlechter machen. Also Mut und los geht es. Wichtig ist, dass Du als BewerberIn an politischen Prozessen interessiert bist. Die Politik darf Dir nicht gleichgültig sein. Du solltest Dich im Voraus z.B. über die Homepage darüber informieren, was die Böll-Stiftung für Schwerpunkte hat. Wissen ist Macht sozusagen.
Stimmt es, dass nur „Einserkandidaten“ Chancen auf ein Stipendium haben?
Nein, das stimmt nicht. Für ein Stipendium bei der Böll-Stiftung sind drei Kriterien wichtig: Gesellschaftspolitisches Engagement, „hervorragende“ Leistungen in der Uni und Rücksichtnahme auf die soziale Herkunft/ die familiäre Situation. Universitäre Leistungen im guten Bereich sind - so habe ich es gesehen- auch in Ordnung. Ein Ausrutscher ab und zu ist ebenfalls erlaubt, gerade wenn im gesellschaftspolitischen Bereich viel Energie und Zeit drauf geht. Was unter „hervorragend“ zu verstehen ist, wird in der Stiftung aktuell diskutiert. Dass es sich da ausschließlich um formelle „Einsen“ handelt, kann meiner Ansicht nach ausgeschlossen werden. Das Sozialverhalten findet in solchen Bewertungen z.B. keine Beachtung. Ich bin jetzt nicht dafür, Punkte für das individuelle Sozialverhalten in der Universität zu vergeben (das geschieht aber z.B. im Auswahlworkshop der Böll-Stiftung) die Böll-Stiftung legt jedoch auch großen Wert auf Umgangsformen, was ich richtig finde. Was die universitären Leistungen anbelangt, können sich natürlich darüber hinaus persönliche Lebenskrisen negativ auf diese auswirken. Ich denke, die Böll-Stiftung nimmt auch Rücksicht auf solche Fälle. Mein Kriterium Nummer eins ist auf jeden Fall das gesellschaftspolitische Engagement, das muss aus meiner Sicht vorhanden sein. Die einzelnen Kommissionsmitglieder in den Auswahlworkshops können mit ihren Wertmaßstäben voneinander abweichen. Die einen schauen vielleicht strenger auf die Leistungen, während andere vielleicht erstmal danach fragen, in welchen Projekten sich die Bewerberin oder Bewerber engagiert. Von daher ist der Ausgang deine Bewerbung davon abhängig wer sie in der letzten Runde in die Hände bekommt und wie diese Personen darüber entscheiden.
Was bedeutet es, wenn „gesellschaftliches und politisches Engagement“ verlangt wird? Wie engagierst Du Dich? Muss man Mitglied in der Partei Bündnis 90 / Die Grünen oder deren Jugendverband sein? Muss man überzeugter Grüner sein?
Zunächst einmal ist eine Mitgliedschaft bei Bündnis 90/Die Grünen keine Voraussetzung für ein Stipendium. Allerdings solltest Du Dich politisch dort verorten. Die Böll-Stiftung steht den Grünen nahe, ist aber kein Teil der Partei. Überzeugt solltest Du von den Grundwerten der Böll-Stiftung sein, also von Demokratie, Gewaltfreiheit, Frieden, Ökologie und den Menschenrechten. Die Böll-Stiftung ist zudem international orientiert, sie hat Auslandsbüros und fördert die internationale Zusammenarbeit. Wünschenswert ist deshalb, dass sich die Bewerber/innen für globale Zusammenhänge interessieren und keine Lokalpatrioten sind. Rassismus und Sexismus werden als Herrschaftsverhältnisse thematisiert und kritisiert. Wie ich mich engagiere? Ich war schon als Schülerin in der „AG für den Frieden“ aktiv. Wir haben uns als Gruppe zusammengefunden und regelmäßig Demonstrationen gegen Rassismus und Rechtsradikalismus organisiert. Thematisch haben wir uns aber nie eingeengt. Weitere Schwerpunkte waren die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, dem Zentralrat der Sinti und Roma und Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Nach diesen Aktivitäten habe ich als Studentin tendenziell Gremienarbeit an der Uni gemacht: Studierendenparlament/Asta, Fachschaft und war Mitglied in einer Berufungskommission. Außerhalb der Uni habe ich in linken und feministischen Projekten mitgearbeitet. Gesellschaftspolitisches Engagement ist einerseits grundsätzlich etwas freiwilliges, das mit der Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft zu tun hat. Anderseits könnte ich sagen: Ich fühle mich gezwungen etwas dagegen zu tun (z.B. gegen sexuelle Gewalt), weil dieser Zustand aus meiner Perspektive unerträglich und nicht legitim ist. Zivilcourage, politisches Bewusstsein von der historischen Bedingtheit von Gesellschaft und der Wille zum Mitgestalten und Verbessern von sozialer Realität sind mit gesellschaftspolitischem Engagement direkt verbunden. Letztendlich sollte sich das gesellschaftspolitische Engagement aus meiner Sicht am Gerechtigkeitsbegriff orientieren. Ich engagiere mich, weil ich mit den realen Verhältnissen nicht einverstanden bin. Es gibt zuviel Armut, Gewalt und Ausgrenzung.
Haben wir noch eine wichtige Frage vergessen? Möchtest Du zukünftigen Bewerbern oder generell Oberstufenschülern und Studierenden nicht-akademischer Herkunft noch etwas mit auf den Weg geben?
Nicht die Hoffnung aufgeben. Ich wünsche allen, die aus bildungsfernen Familien kommen, viel Glück beim individuellen Lebensweg. Vielleicht sollte man nicht aus den Augen verlieren, was man eigentlich erreichen möchte. Wichtig ist, glaube ich, dass man Ziele im Leben hat und dass man sich stets selbst reflektiert. Warum mache ich das jetzt? Für wen oder was mache ich das? Und wenn man für bestimmte Entscheidungen und Projekte Hilfe braucht, dann kann man auch ruhig dazu stehen und es benennen.
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