Hinterm Studium stehen

Wenn es um die Ausbildungs- oder Berufswahl geht, empfehlen Eltern, Verwandte und Bekannte häufig ihren eigenen Ausbildungs- und Berufsweg. Das ist ganz natürlich, denn in ihrem Ausbildungsweg und ihrem Beruf haben sie Erfahrung. Gegenüber anderen Ausbildungswegen sind sie vielleicht misstrauisch, da sie diese nicht persönlich durchlaufen haben. Das führt häufig dazu, dass Eltern, die studiert haben, ihren Kindern empfehlen, zu studieren; und umgekehrt empfehlen Eltern, die eine Ausbildung gemacht haben, ihren Kindern häufig, ebenfalls eine Ausbildung zu absolvieren. Doch die Ausbildungsempfehlung der Eltern entspricht in vielen Fällen nicht den Talenten der Kinder. So wäre es für einige Akademikerkinder vielleicht passender, auf eine Fachhochschule zu gehen oder eine Ausbildung zu absolvieren anstatt an der Universität zu studieren. Und viele Arbeiterkinder hätten die Fähigkeiten und viel mehr Freude daran, an einer Fachhochschule oder Universität zu studieren, anstatt eine Ausbildung zu machen.
Entscheidest Du Dich für ein Studium - und dazu möchten wir Dich hier ausdrücklich ermutigen – könnte es also sein, dass Eltern, Verwandte und Bekannte, Deine Entscheidung nicht verstehen können oder damit nicht einverstanden sind. Sie können vielleicht nicht nachvollziehen, warum Du nicht den gleichen Ausbildungsweg gehen willst wie sie. Verständlicherweise halten Sie den Ausbildungs- und Berufsweg, den sie gegangen sind, für den besten. Also werden sie vielleicht versuchen, Dich mit Gegenargumenten von einem Studium abzubringen oder sie teilen Dir vor und während Deines Studiums mit, dass Sie nicht verstehen, warum Du studierst.
Wir haben einige Gegenargumente und Sprüche gesammelt, die wir aus unserem eigenen oder dem Umfeld von Freunden häufig gehört haben. Vielleicht kommen Dir einige dieser Sätze ja bekannt vor. Damals wussten wir meist auch nicht, was wir antworten sollten. Wir wussten ja selbst noch nicht, was uns an der Universität erwartet und wie danach unsere Berufsperspektiven aussehen. Heute wissen wir es und möchten Dich dabei unterstützen, dein Studium innerlich für Dich oder auch in der Diskussion mit Eltern, Verwandten und Freunden zu verteidigen. Fallen Dir noch weitere Gegenargumente oder Sprüche ein, mit denen Du Dich herumschlagen musst? Dann schicke sie uns einfach und wir stellen Sie mit unserem Kommentar auf diese Seite: webmaster@arbeiterkind.de
Wie kannst Du antworten auf:
„Mach’ erstmal eine Lehre, da verdienst Du sofort Geld und liegst uns nicht auf der Tasche! Schließlich haben wir Dich jetzt lang genug finanziert.“
Es stimmt natürlich, dass Du in einer Ausbildung sofort Geld verdienst und somit auch von den Eltern finanziell unabhängiger wirst. Allerdings ist dies sehr kurzfristig gedacht. In ein Studium muss man zwar erst einiges investieren, verdient aber nach dem Studium langfristig mehr Geld und hat bessere Aufstiegschancen. Dass Deine Eltern Dich nicht noch weiter finanzieren wollen, ist verständlich. Außerdem kann das Studium durch BAföG und Studienkredite finanziert werden, die erst einige Zeit nach dem Studium abbezahlt werden müssen. Vielleicht hast Du auch gute Chancen, ein Stipendium bei einer Stiftung zu bekommen und einen Teilbetrag dadurch zu finanzieren.
„Nach der Lehre kannst Du ja immer noch studieren!“
Ja, das stimmt, natürlich kannst Du nach der Lehre auch noch studieren. Einige tun dies auch, aber viele finden den Weg zur Uni dann nicht mehr. Denn wenn Du erstmal Dein eigenes Geld verdient hast, fällt es Dir vielleicht schwer, darauf wieder einige Jahre zu verzichten und Deinen Lebensstandard runterzuschrauben. Darüber hinaus bist Du nach dem Abitur „noch im Stoff“, sodass Dir der Übergang zur Uni leichter gelingt.
„Was bekommst Du denn durch ein Studium, was Du nicht auch mit einer Lehre kriegst?“
Die Antwort auf diese Frage findest Du in unter „10 Gute Gründe“.
„Wir können Dein Studium nicht finanzieren, erst recht nicht, wenn jetzt noch Studiengebühren oben drauf kommen“
Studieren ist teuer, keine Frage, aber die Investition lohnt sich. Um Studiengebühren zu vermeiden, kannst Du überprüfen, ob Du Dein Wunschfach auch in einem Bundesland studieren kannst, dass noch keine Studiengebühren eingeführt hat. Wenn Deine Eltern Dich nicht finanzieren können, kannst Du für Deine Lebenshaltungskosten BAföG vom Staat beantragen. Das Geld bekommst Du zur Hälfte geschenkt und zur Hälfte als Darlehen, dass Du nach dem Studium abbezahlst. Musst Du doch Studiengebühren bezahlen, kannst Du einen Kredit beim Land aufnehmen. In Kombination mit BAföG gibt es nach dem Studium in vielen Bundesländern für die Rückzahlung eine Höchstgrenze, die meist bei Zehntausend oder Fünfzehntausend Euro liegt. Gerade, wenn Deine Eltern nicht so viel verdienen, Du passable Noten und noch etwas ehrenamtliches Engagement vorweisen kannst, lohnt es sich auch, Dich auf ein Stipendium bei einer Stiftung zu bewerben.
„Da wirst Du doch nur eine/r von diesen arbeitslosen Akademiker/innen und kannst hinterher Taxi fahren“
Es ist ein altes Klischee, dass AkademikerInnen arbeitslos sind oder Taxi fahren. Die Statistiken belegen, dass AkademikerInnen mit einer Arbeitslosenquote von vier Prozent am wenigsten von der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Nachfrage nach Hochqualifizierten auf dem Arbeitsmarkt steigt zunehmend, während es die Niedrigqualifizierten immer schwerer haben, einen Job zu finden. Allein mit den Fähigkeiten, die Du Dir unabhängig vom Studienfach, während des Studiums aneignest, hast Du sehr gute Berufsperspektiven.
„Wie lange willst Du uns und dem Staat denn noch auf der Tasche liegen?“
Diese Aussage spielt darauf an, dass die Universitäten und somit auch die Ausbildung der Studierenden von Steuergeldern finanziert werden. Das stimmt, zumindest in den Bundesländern, in denen noch keine Studiengebühren eingeführt wurden. Allerdings finanzieren die Länder und der Staat die Ausbildung der Studenten, weil sie dies für sehr wichtig halten. Sämtliche Studien belegen und Politiker wie Wirtschaftsvertreter beklagen, dass wir in Deutschland mehr AkademikerInnen brauchen und wollen, dass mehr Arbeiterkinder studieren. Daher wurde in diesem Jahr das BAföG erhöht und das Bundesbildungsministerium hat eine große Bildungsoffensive gestartet. Du brauchst also überhaupt kein schlechtes Gewissen haben, dass Du dem Staat „auf der Tasche liegst“.
„Dein(e) Schwester, Bruder, Cousine, Cousin arbeitet schon und verdient richtiges Geld. Du willst wohl noch ein paar Jahre faul sein und Dich von uns aushalten lassen!“
Vermutlich hat Dein(e) Schwester, Bruder, Cousine, Cousin eine Ausbildung absolviert und ist daher finanziell unabhängig. Kurzfristig verfügt sie oder er über mehr Geld, aber langfristig sehen die finanziellen Aussichten für AkademikeInnen besser aus. Dass Studenten faul sind, ist ein altes Klischee, erst recht mit der Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master. Während Deines Studiums musst Du an vielen Kursen teilnehmen und Leistungsnachweise erbringen, das heißt Referate halten, für Klausuren und Prüfungen lernen und schriftliche Arbeiten verfassen. Das ist schon arbeitsintensiv. Außerdem wirst Du vielleicht noch nebenbei arbeiten müssen, um Dein Studium zu finanzieren. Von Faulheit kann da keine Rede sein und von „aushalten“ auch nicht. Deine Eltern und Du investieren in Deine Bildung und das wird sich langfristig auszahlen.
„Und was willst Du nach dem Studium machen? Was willst Du denn mit diesem komischen Fach nach dem Studium anfangen? Was bist Du denn dann hinterher von Beruf?“
Diese Frage wird insbesondere Studierenden mit Fächern, die zu keinem bestimmten Beruf wie Lehrer, Arzt, Betriebswirt oder Ingenieur führen, immer und immer wieder vor, während und nach dem Studium, gestellt. Mit sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern wie zum Beispiel Literaturwissenschaft, Soziologie oder Geschichte kann man nach dem Studium in vielen Bereichen arbeiten. Einige verfolgen eine Karriere an der Universität, andere arbeiten bei Verlagen, Stiftungen oder Unternehmen. Heutzutage gibt es nicht mehr so viele feste Berufsbilder, stattdessen arbeitet man im Bereich „Öffentlichkeitsarbeit“, „Marketing“, „Personalentwicklung“, „Verwaltung“ usw. Es entstehen auch kontinuierlich neue Berufsfelder, sodass Du vielleicht nach dem Studium in einem Arbeitsbereich landest, den es heute noch gar nicht gibt. Also, falls Du schon weißt, in welchem Bereich Du arbeiten willst, kannst Du diese Frage beantworten; falls nicht, kannst Du versuchen, zu erklären, dass sich die Arbeitswelt verändert hat und AkademikerInnen sehr häufig nach dem Studium einer Arbeit nachgehen, die mit ihrem Studium nicht mehr allzu viel zu tun hat. Es geht um die grundlegenden Fähigkeiten wie Problemlösungskompetenz, Präsentationskompetenz und Organisationstalent, die man im Studium erlernt und die später gefragt sind. Es kann aber auch sehr viel Spaß machen, einfach irgendetwas Verrücktes zu erfinden. Das erhöht Deine Kreativität – auch eine sehr gefragte Kompetenz auf dem Arbeitsmarkt.
„Du willst jetzt wohl unter die Intellektuellen gehen?“
Das Fremdwörterbuch definiert „den Intellektuellen“ als „jemanden mit akademischer Ausbildung, der in geistig-schöpferischer, kritischer Weise Themen problematisiert und sich mit ihnen auseinandersetzt“ (Duden-Das Fremdwörterbuch. 7. Aufl. Mannheim 2001. [CD-ROM]. Man könnte den Intellektuellen also auch durch „AkademikerIn“ ersetzten, denn das ist der Inhalt eines jeden Studiums, sich kritisch mit Themen auseinanderzusetzen. Dennoch solltest Du versuchen, Verständnis aufzubringen. Der Urheber dieses Spruches ist vermutlich unsicher, da Du einen höheren Bildungsgrad anstrebst als sie oder er und hat Angst, dass man dann nicht mehr „normal“ mit Dir reden kann.
„Du denkst wohl, Du bist etwas Besseres? Sind wir Dir nicht mehr gut genug? Wir haben auch nicht studiert und kommen gut klar!“
Auch in diesem Spruch drückt sich Angst und Unsicherheit aus, weil Du eine Studium und damit eine höhere Bildung anstrebst. Natürlich muss man nicht studieren, um ein erfülltes Leben zu führen. Aber, wenn Du die Fähigkeiten, die Möglichkeiten und Lust auf ein Studium hast, warum sollst Du die Chance nicht nutzen? In der Rubrik „Warum studieren?“, findest Du einige Antworten, warum sich ein Studium für Dich lohnt. Vielleicht kannst Du Dein Umfeld davon überzeugen, dass Du immer noch die oder der Alte bleiben wirst, auch, wenn Du studierst. Du kannst auch versuchen, Dein Umfeld so gut wie möglich auf Deinem Weg durch das Studium mitzunehmen und immer wieder zu berichten, was man so macht, wenn man studiert. Vielleicht ergibt sich ja auch mal die Möglichkeit, Deiner Familie die Uni zu zeigen, an der Du studierst. Wenn man noch nie in einer Uni war, kann es zum Beispiel ein richtiges Erlebnis sein, mal über ein Unigelände zu laufen, in einzelne Gebäude hineinzuschauen oder in einer Mensa zu essen.