Lerntechniken
Vorbereitung (nicht nur) fürs Prüfungslernen
Wichtiger Punkt: Lerne nicht nur das Thema, recherchiere die Rahmenbedingungen:
- Welche Art von Prüfung wird abgelegt? Mündlich, schriftlich? Multiple-Choice oder freie Antworten? Oder gar eine Hausarbeit?
- Besteht Anwesenheitspflicht im Kurs? Hat der Dozent vielleicht bestimmte Angewohnheiten wie er seine Seminare strukturiert. Gibt er z.B. beim ersten Termin eine Übersicht über den Stoff? Wiederholt er zum Semesterende noch mal alles? Gibt er Studenten die Möglichkeit Fragen zur Prüfungsvorbereitung zu stellen?
- Finde raus, ob irgendwo alte Prüfungsaufgaben archiviert und zugänglich sind. Gute Ansprechpartner sind der AStA, die Fachschaft oder höhere Semester.
- Apropos höhere Semester: Es ist immer ein gute Idee Erfahrungsberichte aus erster Hand zu bekommen.
Für spezielle Lerntechniken siehe den entsprechenden Abschnitt weiter unten.
Im nächsten Schritt musst Du Deine Rechercheergebnisse auswerten, d.h. Du legst für Dich fest, wie Du das Fach angehst. Die Beispiele hier stammen aus meinen eigenen Erfahrungen mit dem Fach Informatik:
- Besteht ein Unterschied zwischen Praxis und Prüfung? Beispiel: Wenn Programmiersprachen in einer Klausur geprüft werden, dann ist es eher unwahrscheinlich, dass Du programmieren können musst, denn das ist auf Papier eher schwierig. Dann ist es eher wahrscheinlich, dass Konzepte abgefragt werden, kurze Programme analysiert werden müssen oder bei einfachen Beispielen Syntaxprobleme erkannt werden müssen. Konsequenz: Ich habe auf die Programmierübungen verzichtet.
- Dozentengewohnheiten: Ich hatte einen Informatikprof bei dem ich nur beim ersten und bei den letzten beiden Terminen anwesend war. Beim ersten, um zu hören welche Themen er behandeln würde. Beim vorletzten, um die Zusammenfassung zu hören und beim letzten, um die Fragen meiner Mitstudenten zu hören, die meist ein Indikator für besonders schwierige oder wichtige Themen waren.
- Alte Prüfungsaufgaben: Gibt es Themen die immer wieder vorkommen? Fragen die besonders häufig gestellt werden? Diese Themen rausschreiben und besonders lernen. Und dann tatsächlich mal die konkreten Fragen beantworten.
- Multiple-Choice-Tests: Ein schneller erster Durchgang um alle Fragen beantworten die Du sofort weiß. Ein zweiter Durchgang für die schwierigeren Fragen. Und in jedem Fall bei jeder Frage was ankreuzen – falsche Antworten und keine Antworten zählen das gleiche und vielleicht hast Du ja zufällig das richtige angekreuzt. Und das Ausschlussverfahren verwenden: Wenn ich bei drei Antworten weiß, dass sie falsch sind, dann ist die vierte die richtige, egal wie fremd mir die Antwort ist.
Ganz wichtig ist die Erkenntnis, dass die Prüfung nur einen Ausschnitt aus dem Fachwissen darstellt. Einen Ausschnitt der durch die Art und Dauer der Prüfung und durch die speziellen Gewohnheiten und Interessengebiete des Dozenten eingeschränkt ist. Wenn Du diese Einschränkungen kennst, dann kannst Du Dich viel zielgerichteter auf Deine Prüfung vorbereiten.
Verständnislernen
Verständnislernen das eine Veranstaltungsreihe begleitet, sollte immer folgendem Muster folgen: Vorbereiten – Mitdenken – Nachbereiten. Dieses Muster gilt für die gesamte Veranstaltungsreihe ebenso wie für jede einzelne Veranstaltung. Eine alternative Formulierung für diesen Dreischritt ist Fragen – Antworten – Überprüfen.
Vorbereiten/Fragen
Worum geht es in der Veranstaltungsreihe bzw. in der einzelnen Veranstaltung? Welche Fragen versucht Ihr dort zu beantworten? Und wie hängt diese Veranstaltungsreihe mit anderen zusammen? Wie ergeben sie gemeinsam das Gesamtbild Deines Faches? Und wie passt die einzelne Veranstaltung in die gesamte Reihe? Was kommt davor, was danach? Wo gibt es Querverbindungen?
Außerdem hilft es sehr, sich Fragen zu stellen und diese aufzuschreiben. Wie oben geschrieben ist unser Gehirn eine Problemlösungsmaschine und Fragen will es beantworten. Aussagen dagegen können es ziemlich kalt lassen. Wenn Du Dir Fragen stellst, dann hilft es außerdem sie relevant zu machen – emotional relevant, denn Gefühle sind Lernturbos. Die Fragen sollten Dich irgendwie interessieren, dann ist die Chance wesentlich größer, dass Dein Gehirn die Antworten findet und behält.
Mitdenken/Antworten
Zum einen kannst Du Dir Deine Fragen selbst beantworten in Deiner Vorbereitung oder Du kannst die Veranstaltung besuchen, um die Antworten zu finden.
Nachbereiten/Überprüfen
Wenn Du Dir selbst die Antworten gegeben hast, kannst Du diese während der Vorlesung überprüfen. Wenn Du die Antworten in der Vorlesung erhältst, dann solltest Du sie anschließend überprüfen. In jedem Fall solltest Du schauen, ob alle Deine Fragen beantwortet wurden und ob sich neue Fragen ergeben haben. Mit den neuen Fragen bist Du vielleicht dann schon in der Vorbereitung für die nächste Veranstaltung.
Am Ende einer Veranstaltungsreihe solltest Du überprüfen, ob Deine Großen Fragen zum Thema beantwortet sind. Und auch prüfen, ob alle kleinen beantwortet oder irrelevant geworden sind.
Spezielle Techniken:
Fragen
Ich wiederhole mich hier, aber Fragen zu stellen (sich, anderen, schriftlich oder mündlich) ist eine der stärksten Lerntechniken überhaupt. Sokrates soll dem Mythos zufolge nur durch Fragen unterrichtet haben.
Soziales Lernen
Eine andere extrem starke Technik ist das soziale Lernen. Einige gehen sogar soweit zu sagen, dass alles Lernen sozial ist.
Kurz: Bildet Lerngruppen. Arbeitet gemeinsam, ergänzt Euch in Euren Stärken, teilt Euch die Arbeit. Während ein Teil sich mit der mikronesischen Fauna beschäftigt, recherchiert der andere Zellatmung. Und dann tauscht Ihr Eure Ergebnisse aus. Anderen etwas beizubringen ist die beste Art es selbst zu verstehen.
Ihr könnt sogar die „Vorlesungsarbeit“ teilen: Jeder besucht eine bestimmte Vorlesung und ist für sie verantwortlich. Einmal oder zweimal wöchentlich haltet Ihr dann Lerntreffen ab und vermittelt Euch gegenseitig das nötige Wissen. So könnt Ihr Euch auf die Themen konzentrieren, für die Ihr wirklich leidenschaftlich seid und seid flexibler in Eurer Zeiteinteilung – um zu arbeiten, Euch sozial zu engagieren oder auch um Euch einfach mal zu erholen.
Experten befragen
Finde jemanden, der im Studium weiter ist oder das Fach das Du lernen musst in der Praxis nutzt. Frage ihn oder sie nach dem, was wirklich wichtig ist.
Verschiedene Gedächtnisarten nutzen
Unser Gehirn speichert das Wissen in verschiedenen Gedächtnisarten. Und damit ist nicht nur das sensorische Gedächtnis, das Arbeitsgedächtnis und das Langzeitgedächtnis gemeint, sondern auch verschiedene Formen des Wissens selbst. Langzeitwissen wird im Episodischen Gedächtnis oder im Semantischen Gedächtnis gespeichert. Im semantischen Gedächtnis werden von der Person unabhängige Fakten und Zusammenhänge abgelegt, im episodischen Gedächtnis finden sich eigene Erlebnisse, Eindrücke und Reaktionen auf Erlebnisse wieder.
Da Dein Gehirn hoch vernetzt ist und sehr assoziativ arbeitet, kannst Du die eine Gedächtnisart nutzen, um die andere zu stimulieren. Wenn also in einem Seminar etwas Außergewöhnliches passiert, dann notiere das am Rande neben Deinen fachlichen Aufzeichnungen. Damit speicherst Du das Seminar auf zwei verschiedene Weisen ab und hast bessere Chancen es Dir wieder ins Gedächtnis zu rufen. Du kannst auch bewusst nach Ereignissen suchen, z.B. „Sven hat gegähnt“ oder „Mein Stift war alle“.
Alternative Notationsmethoden
Außer den normalen, linearen Mitschriften gibt es noch andere Methoden, um die Ergebnisse der eigenen Recherchen, der Vorlesungen und Seminare zu dokumentieren. Wichtig dabei ist auszuprobieren welche Methode für Dich selbst am besten geeignet ist. Ziel ist es eine Ausdruckweise für den Lernstoff zu finden die Dich stimuliert. Es darf auch Spaß machen. Tatsächlich hilft Spaß haben beim Lernen!
- Mindmapping: Nichtlineare, grafische Notationsmethode. Siehe z.B.: http://de.wikipedia.org/wiki/Mindmap und http://www.zmija.de/mindmap.htm. Wichtig hierbei ist, dass es egal ist, ob jemand außer Dir die Mindmap nachvollziehen kann. Tatsächlich ist das Erinnern leichter, je persönlicher Deine Stichworte, Farben und kleinen Grafiken sind.
- Geteiltes Blatt: Nimm Dein Notizenblatt quer und unterteile es in der Mitte. Oder nimm‘ ein Schulheft und nutze die linke und rechte Seite unterschiedlich. Auf die rechte Seite Deines geteilten Blattes kommen alle Informationen von der Tafel, vom Whiteboard oder aus der Präsentation. Auf die rechte Seite kommen auf die jeweilig passende Höhe die Erläuterungen des Dozenten. Wenn es keine Erläuterungen gibt, bleibt die rechte Seite frei. Wenn die Erläuterungen sehr lang sind, dann bleiben auf der linken Seite Lücken. Auf diese Weise kannst Du immer zuordnen über welchen Kanal Du welche Information bekommen hast und die Mitschrift ist im Endeffekt übersichtlicher und besser nachzuvollziehen. Außerdem kannst Du auf der rechten Seite Deine Einträge für Dein episodisches Gedächtnis vornehmen.
- Diktiergerät: Probiere aus, ob Du mit einem Diktiergerät die Vorlesung mitschneiden kannst. Besonders zu empfehlen wenn Du gut übers Zuhören lernst.
- Digitalkamera: Wenn es nicht stört, kannst Du über eine Digicam oder mit dem HandyTafelbilder dokumentieren oder Dein episodisches Gedächtnis anregen. Fotos können während oder nach der Veranstaltung gemacht werden. Wenn Du das tust, denke daran den Blitz und die Bestätigungstöne der Kamera auszuschalten, um niemanden zu irritieren.
- Grafik oder Animationen: Versuche die vermittelten oder zu lernenden Konzepte in einer Grafik oder Animation darzustellen.
- Audio: Wenn Du gut übers Zuhören oder selber Erklären lernst, kannst Du mit einem Diktiergerät oder über Deinen Computer Sprachnotizen machen und später abhören. Oder vielleicht sogar Mitstudenten einen Podcast zur Verfügung stellen.
- Anderen erklären: Wie schon beim sozialen Lernen erwähnt, ist anderen den Lernstoff erklären eine gute Methode selbst zu lernen. Eine Variante ist den Stoff jemanden zu erklären, der vom Thema keine oder wenig Ahnung hat, denn das klappt nur, wenn Du das Thema wirklich verstanden hast.
Emotionen
Wie ebenfalls oben erwähnt, helfen Emotionen beim Lernen. Unser Gehirn behält Wissen nur, wenn es ihm eine Bedeutung zuweist. Die eine Möglichkeit ist häufige Wiederholung. Iirgendwann nimmt Dein Gehirn dann an, dass es wohl doch wichtig sein muss. Die andere Variante ist Gefühle mit dem Lernstoff zu verknüpfen oder ihn in einen größeren Zusammenhang zu stellen und Vorwissen zu aktivieren. Mögliche Methoden hierfür sind z.B.
- Spaß haben beim Dokumentieren des Lernstoffes (siehe oben).
- Gemeinsam lernen. Sozialen Zusammenhängen ordnen wir automatisch eine höhere Bedeutung zu und das Lernen macht häufig auch mehr Freude.
- Eigene Begeisterung für das Thema entwickeln. Erinnere Dich daran, warum Du dieses Studienfach gewählt hast, nutze Deine Leidenschaft für Dein Studienfach. Welche Bedeutung hat dieses Thema für Dein Studienziel?
- Wähle den historischen Ansatz: Warum und wie hat sich dieses Thema als Teil Deines Studienfaches entwickelt? Welche speziellen Fragen soll es klären? Wer waren wichtige Personen in diesem Feld und was trieb sie an?
- Und eine letzte Möglichkeit: Deine Fantasie einsetzen, eine Art Rollenspiel betreiben. Wer, was für ein Mensch würde sich für das Thema interessieren? Stelle Dir vor dieser Mensch zu sein und seine Motivation zu übernehmen. Das kann auch weit hergeholt sein, etwas merkwürdige Assoziationen und Konstrukte machen das Thema für Den Gehirn interessanter, z.B. ein Wissenschaftshistoriker aus der Zukunft oder ein späterer Nobelpreisträger während seines Studiums.
Lernstile
Es gibt viele Theorien und Einteilungen von Lernstilen, der Art und Weise wie wir lernen. Details würden hier zu weit führen und die praktische Anwendung hängt sowieso vom persönlichen Experiment ab. Daher hier nur ein paar Vorschläge um Dir eine Ort zum Beginnen zu geben:
- Probiere aus, zu welchen Zeiten Du am besten lernst. Eine Wiederholung vorm Schlafengehen ist in jedem Falle sinnvoll, denn nachts verankert Dein Gehirn das tagsüber Gelernte.
- Probiere aus, ob Du an bestimmten Orten besonders gut lernen kannst. Brauchst Du natürliches Licht, Musik, offene oder geschlossene Türen?
- Probiere aus, wie Du am besten lernst: Durch Lesen, Zuhören, Erklären, Ausprobieren, Zeichnen, …?
Auswendiglernen
Ich war lange Zeit gegen Auswendiglernen und für das Verständnislernen. Ich bevorzuge diesen Ansatz noch immer, aber manchmal musst Du einfach Fakten und Konzepte auswendig kennen. Und es hilft auch beim Denken und weiteren Lernen: je mehr Wissen Du hast, desto einfacher wird es neues zu lernen, da Du immer mehr Anknüpfungspunkte entwickelst – und je spannender und nützlicher können Deine Assoziationen, Analysen und Schlussfolgerungen sein, da Du auf eine breitere Datenbasis zurückgreifen kannst.
Beim Auswendiglernen können neben Mnemotechniken auch die Lernkartei (siehe auch bei stangl-taller.at) helfen.
Die Lernkartei gibt es auch in elektronischer Form, z.B. Teachmaster als Vokabeltrainer, Mnemosyne oder Memorylifter als kostenlose allgemeine Lernhilfen oder SuperMemo als kostenpflichtige Software.
ArbeiterKind.de-Experte Jens Reineking